Angolas Machthaber fürchten die Rapper mehr als den Wähler

Angola im Wahlkampf. Die EU vertraut auf demokratische Wahlen. Oppositionelle sprechen von Diktatur. Das Land schwimmt in Öl- Milliarden, aber das Volk darbt. In Angola spiegeln sich fast alle Miseren des Kontinents.

Von Laszlo Trankovits, dpa

Luanda – Am meisten Schrecken verbreiten in den vornehmen Villen-Vierteln Luandas junge Rap-Sänger: „In der Bananenrepublik ist der Boss der Kolonialist, entweder beenden wir die Korruption oder die Korruption macht uns fertig“, singt mit heller Stimme, begleitet von wummernden Bässen, „MCK“. 500.000 US-Dollar habe ihm die Regierung geboten, wenn er mit seinem Rap gegen das System aufhöre, berichtete „MCK“ der Zeitschrift „Economist“.

Aber aus Kneipen und kleinen Läden der chaotischen, pulsierenden Hauptstadt Angolas schallen immer neue Protestsongs des bekanntesten Rappers an der Südwestküste Afrikas. Es sind die jungen Musiker Angolas, die am deutlichsten ihre Wut über das überall sichtbare Elend ausdrücken - in einem Land, das dank des Öls gigantische Dollarsummen einnimmt.

„Kleptomanisches Regime“

„MCK“ ist Idol einer zunehmend unruhigen Jugend. Sie vor allem ist es, die neben enttäuschten Kriegsveteranen die Staatspartei MPLA (Angolanische Volksbefreiungsbewegung) und Präsident José Eduardo dos Santos (69) herausfordert. An den vereinzelten Protesten in der Hauptstadt Luanda gegen den seit 32 Jahren herrschenden „Diktator“ und das „kleptomanische Regime“ nehmen aber meist nur ein paar hundert Demonstranten teil. Auch bei den anstehenden Wahlen sieht es nach einem haushohen MPLA-Sieg aus.

Denn Angola ist auch zehn Jahre nach dem Ende eines 27 Jahre langen Bürgerkriegs mit einer halben Million Toten traumatisiert. „Die Menschen sind dos Santos dankbar für Frieden und Stabilität“, sagt sogar Rafael Savimbi von der Oppositionspartei Unita. Der Parlamentskandidat ist Sohn von Jonas Savimbi, des früheren Chefs der anderen großen „Befreiungsbewegung“, der Unita. Erst sein Tod ebnete 2002 den Weg zu Frieden und Aussöhnung. Seither dominiert unangefochten die MPLA, die bei der Wahl 2008 satte 81 Prozent erhielt. Die Unita bekam zehn Prozent.

Europa „vertraut“

Am 31. August wird wieder gewählt. Die EU schickt nicht mehr wie 2008 Wahlbeobachter, sondern nur zwei „Wahlexperten“. Das sei Ausdruck des Vertrauens in die Stabilität, so ein europäischer Diplomat. Tatsächlich spricht manches für eine formal freie und faire Wahl. Zwar wurden nur neun von 27 Organisationen zur Wahl zugelassen; Aber die zugelassenen Parteien bekommen unabhängig von der Größe gleiche Wahlkampfgelder und TV-Sendezeiten.

Dennoch klagt die Opposition über Manipulationen und Nachteile. Es sei ein Unding, dass Polizisten und Soldaten schon am 30. August „ohne jede Kontrolle“ wählen sollen, meinte Savimbi. Zudem missbrauche die Regierung die staatlich kontrollierten Medien.

Für ein Land wie Angola geht es im Wahlkampf vor allem um die bittere Armut. Über die Hälfte der 18 Millionen Angolaner leben von weniger als einem Euro pro Tag. In den wuchernden Slums gibt es kaum Strom und sauberes Wasser. Die Lebenserwartung beträgt gerade mal 50 Jahre, die Kindersterblichkeit ist eine der höchsten der Welt, mindestens ein Viertel der Menschen sind Analphabeten.

Nicht eingehaltene Versprechen

Die Regierung verweist zwar stolz auf den Bauboom, auf neue Straßen, Eisenbahnlinien und Schulen. Aber auch die MPLA weiß um das soziale Elend: „Für eine bessere Verteilung“ propagiert Dos Santos nun. Dabei ist der Ex-Marxist seit 1979 der starke Mann Angolas. Bei ihm laufen alle Fäden von Regierung, Militär und Wirtschaft zusammen.

Eine Million neuer Häuser hatte er 2008 versprochen, gebaut wurden 300.000. „Bildung, soziale Sicherung, Arbeitsplätze – in allen Bereichen ist die Regierung den Beweis schuldig geblieben, tatsächlich für das Allgemeinwohl sorgen zu wollen oder zu können“, heißt es in einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Die Miseren Angolas liegen kaum an einem Mangel an Kapital. Aber die Ex-Kolonie Portugals gilt als zutiefst korrupt. Jüngst klagte der Weltwährungsfonds über den unklaren Verbleib von 32 Milliarden Dollar aus dem Ölgeschäft. Im globalen Korruptions-Vergleich stuft die unabhängige „Transparency International“ Angola auf Platz 168 von 182 Ländern ein. Auf dem Wohlstandsindikator („Human Development Index“) der UN rangiert Angola auf dem 148. Rang (von 187 Staaten).

„Dos Santos und seine Familie betrachten den Staat als ihren Privatbesitz“, meint der MPLA-Dissident und Ex-Ministerpräsident Marcolino Moco. „Der Westen vertraut viel zu sehr Wahlen. Aber es fehlen die Rahmenbedingungen, die Bildung, die Infrastruktur, die Institutionen und eine freie Presse. Wahlen lösen nicht die Probleme eines afrikanischen Staates wie Angola.“


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