Der Ölrausch im höchsten Norden

Unter dem arktischen Eis, das sich immer weiter zurückzieht, verbirgt sich eine Schatzkammer, gefüllt mit Öl und Gas. Konzerne und Länder wittern das große Geld, Umweltschützer befürchten die große Katastrophe.

Innsbruck, Zürich –Das Eis taut, das Öl rauscht. Wie einst die Jagd nach Gold Hunderttausende Menschen in den Wilden Westen lockte, so beginnt jetzt ein neues Wettrennen – diesmal um das schwarze Gold. In der Arktis lichtet sich unter dem Einfluss des Klimawandels das Eis und legt die Wege zu Rohstofflagern frei. Forscher stellten im vergangenen Herbst den zweitniedrigsten Stand der Eisflächen seit 1979 fest, für diesen Sommer wurden weitere Rückgänge erwartet. Der Ölrausch im höchsten Norden hat begonnen. In der Region rund um den Nordpol sollen laut dem Geologischen Dienst der USA (USGS) 13 Prozent der noch nicht aufgespürten Ölvorräte der Welt liegen. Zu wissen, wo das Öl liegt, bedeutet Macht. Für diejenigen, die es fördern, heißt das, Geld zu machen.

Der Ölriese Shell versucht als erstes Unternehmen, Probebohrungen im Meer nördlich von Alaska durchzuführen. Ein Anlauf im Juli war gescheitert, weil die Bohrschiffe nicht durch das unerwartet dicke Eis vordringen konnten. Fast so, als wollte die Natur sich wehren. Anlauf Nummer zwei ist für August geplant. Ca. 90 Milliarden Fässer Öl – die Menge, mit der die Erde drei Jahre lang versorgt werden kann – sind eine zu verlockende Aussicht, um nicht mit Nachdruck vorzugehen. Vielleicht auch um ein Risiko einzugehen? Und so die Arktis, ihre Umwelt und die Tierwelt zu gefährden?

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace befürchtet schon; vergangene Woche sammelte sie mit der Aktion „Shell: Raus aus der Arktis“ in der Innsbrucker Innenstadt Unterschriften. „Wir müssen die Menschen direkt ansprechen, weil es auf den ersten Blick für Österreich keine direkte Abhängigkeit gibt“, sagt Karin Scholz, die Arktis-Sprecherin von Greenpeace. „Sobald sie jedoch erfahren, was für Folgen eine Katastrophe dort hat, machen sie sich Gedanken.“ Die intakte Umwelt könnte durch einen Bohrinsel-Unfall wie im Golf von Mexiko kaum geschützt werden. „Dort herrschen raue Bedingungen, die es unmöglich machen, das Öl wieder einzufangen. Über Jahre würde es aus einem Bohrleck ungehindert ausfließen“, erklärt Scholz.

Das Ziel von Greenpeace ist es, dass die Region zu einem UN-Schutzgebiet erklärt wird. Dafür wird der UNO-Generalversammlung im Herbst die Unterschriftenliste übergeben. Seit dem 21. Juni wurden weltweit – auch in Innsbruck – 1,2 Millionen Unterschriften gesammelt. Es sollen zwei Millionen werden. „Wir müssen Lobbying betreiben und zusätzlich mit dieser Menge an Unterschriften Druck machen“, sagt die Arktis-Sprecherin.

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Die Ölriesen wie Shell, BP oder Exxon suchen hingegen Partnerschaften mit Russland, den USA, Kanada, Dänemark und Norwegen, jenen Ländern, die große Gebiete am Nordpol beanspruchen. Das führt jetzt schon zu (finanziellen) Auseinandersetzungen. BP wurde Ende Juli verurteilt, eine Strafe von 2,5 Milliarden Euro zu zahlen, weil sie die Zusammenarbeit bei Ölbohrungen mit einem russischen Unternehmen aufkündigten.

Trotzdem dürfte Russland der größte Gewinner der Eisschmelze sein. Das hat eine Analyse der Technischen Hochschule Zürich gezeigt. Und nicht nur beim Anspruch auf das Öl redet Russland ein Wörtchen mit. Zwei Drittel der arktischen Erdgasvorkommen werden auf russischem Gebiet vermutet. Jonas Grätz, der für die ETH Zürich das Konfliktpotenzial in der Region analysiert hat, erwartet wegen der Rohstoffe und der neuen Handelswege einen Machtkampf. „Moskau sieht die Arktis nicht nur unter energiepolitischen, sondern auch unter geopolitischen Gesichtspunkten“, sagt Grätz.

Die Meeresregion Spitzbergen ist dabei ein Sonderfall. Durch den Spitzbergen-Vertrag von 1920 haben 40 Unterzeichnerstaaten – darunter auch Österreich – ein Anrecht, dort Ressourcen zu fördern. China, Indien und Südkorea haben unlängst Forschungsstationen eingerichten. Die Länder erhoffen sich ein größeres Mitspracherecht in der Arktis. Grätz dazu: „Es ist, als wolle jedes Land ein Fähnchen einstecken, solange die territorialen Ansprüche noch nicht vollumfänglich geklärt sind.“ (chris, APA)


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