Ästhetischer Werkstoff mit Durchblick

Glas als Werkstoff in der Architektur punktet zunehmend dank Innovationen in der technischen Entwicklung. Die Nutzungsmöglichkeiten bestechen aber auch mit einer faszinierenden Ästhetik.

Von Ursula Philadelphy

Glasarchitektur: Da fallen einem in Tirol zuallererst jene Bauten ein, die nicht gerade einen rühmlichen Start hatten. Sowohl in der SoWi in Innsbruck als auch in der FH Kufstein zerbröselten Scheiben und brachten das Thema Glasarchitektur einigermaßen in Verruf. Unerträgliches Klima hinter den Scheiben tat noch das Seine dazu. Dank kontinuierlicher Innovationen und positiver Beispiele wie etwa des KUB in Bregenz wird inzwischen aber zunehmend auf Glas gesetzt. Dominique Perrault hat mit dem Innsbrucker Rathaus und einem unmittelbar andockenden Hotel ein gläsernes Zeichen in die Innenstadt gesetzt. „Headline“ gilt ebenfalls als markantes Signal der Glasarchitektur, ganz zu schweigen natürlich von Zaha Hadids Hungerburg-Bahnstationen. Sie bestechen durch eine wunderbare Ästhetik.

Glas lässt sich inzwischen sehr kreativ einsetzen, bietet außergewöhnliche Möglichkeiten sowohl als solitäres Baumaterial als auch in Kombination mit bestehender Architektur, im Besonderen sogar mit historischen Gebäuden. Ein wunderschönes Beispiel ist das Haus von Lois Welzenbacher in Absam, das mit einem Glaskörper erweitert wurde. Eine ebenfalls gelungene, noch radikalere Kombination ist der gläserne Vorbau des Straßburger Bahnhofs. Diese Architektur gilt als Pionierprojekt im konstruktiven Glasbau, wurde doch ein riesiger gläserner Kokon geschaffen, der sich über das historische Gebäude stülpt. 6000 Quadratmeter aus kalt verformtem Glas.

Für Ulrich Knaack von der TU Delft ist Glas „mit Blick auf eine nachhaltige Bauweise ein ganz wesentliches Material – nicht nur was die Energie­bilanz eines Gebäudes angeht“. Für ihn eröffnet der technologische Fortschritt „immer mehr Möglichkeiten des krea­tiven und ästhetischen Einsatzes dieses Werkstoffes“, erklärte er im Vorfeld der diesjährigen „glasstec“-Messe im Oktober in Düsseldorf.

Für den spanischen Architekten Enrique Sobejano, „Aga Khan Award“-Preisträger und immer gut für außergewöhnliche Architektur, hat Glas einen besonderen Stellenwert. Die Tendenz sieht man bei seinem Erweiterungsbau des Joanneums in Graz. Der Architekt sieht das Glas „in seiner Besonderheit und Vielseitigkeit“ und definiert die Verwendung dieses Werkstoffes als „Reflexion über seine Transformation in Raum und Zeit“.

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Die Transparenz des Materials fasziniert Architekten und Puristen. Im normalen Wohnbereich entstehen allerdings rasch der Grundidee widersprechende Abschottungs- und Verhüllungstendenzen. Man sollte also nur dort auf Transparenz setzen, wo man auch gewillt ist, diese zu leben.

In diesem Sinne positiv und stringent ist der Apple Cube in der 5th Avenue in New York. Er wurde vergangenes Jahr erneuert und gilt als exquisites Beispiel für die aktuellen technischen Möglichkeiten. Die komplett transparente Fassade setzt sich aus Scheiben von 10,3 mal 3,3 Metern zusammen. Die Titanfittings, die die Scheiben verbinden, sind erstmalig in die Gläser einlaminiert und optisch kaum wahrnehmbar. Verantwortlich dafür zeichnet Seele, ein Unternehmen, das auch in Österreich vertreten ist und international mit namhaften Architekten zusammenarbeitet. Die Firma steht für Sonderlösungen, u. a. im Bereich der Glasverarbeitung. Zusammen mit den Architekten Foster & Partners realisierte Seele auch das Verwaltungsgebäude „7 More London Riverside“ im Zentrum Londons. Ebenfalls in London findet sich ein Erlebnis-Einkaufszentrum der Superlative – Westfield London – mit einer Grundfläche von 350.000 m2. In Zusammenarbeit mit einem New Yorker Architekturbüro hat Seele ein überdimensionales Glasschalendach entwickelt, das aus riesigen Dreiecken zusammengesetzt ist und als technisches Nonplusultra gilt.

In unseren Breiten wird Glas bislang noch etwas weniger spektakulär eingesetzt, aber der Trend ist nicht mehr aufzuhalten, wie Swarovski Optik oder die Lagerhalle der Firma Gradischegg, aber auch unzählige Einfamilienhäuser eindrücklich unter Beweis stellen.


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