Nordfrankreich erlebt nach den Krawallen eine ruhige Nacht

Gut 100 Tage nach dem Amtsantritt von Frankreichs neuem Präsidenten Francois Hollande reißt ein Deja-vu der schweren Jugendkrawalle vergangener Jahre das Land aus der Sommerruhe.

Amiens – Nach den heftigen Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und der Polizei in der nordfranzösischen Stadt Amiens hat sich die Lage dort wieder beruhigt. Es habe keine größeren Zwischenfälle gegeben, teilte die Präfektur des Departements Somme am Mittwoch mit. Die Behörden hatten 100 zusätzliche Polizisten nach Amiens geschickt, um weitere Krawalle im Keim zu ersticken. Staatspräsident Francois Hollande kündigte an, alle verfügbaren staatlichen Mittel gegen die Gewalt einzusetzen

In der Nacht auf Dienstag waren bei Ausschreitungen 16 Polizisten durch Bleikugeln, Feuerwerkskörper und Wurfgeschoße verletzt worden. Es entstand erheblicher Sachschaden, den der Bürgermeister auf mindestens eine Million Euro schätzte. Jugendliche zündeten Autos und 60 Mülleimer an, auch eine Schule wurde in Brand gesetzt. Rund 150 Polizisten bekamen die Lage erst nach mehreren Stunden unter Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen unter Kontrolle, Festnahmen gab es keine. Auslöser der Aktionen von etwa hundert Jugendlichen war nach Informationen des Radiosenders Europe 1 eine Polizeikontrolle, die sie als ungerechtfertigt empfanden.

Etwa hundert Jugendliche hatten bereits am Montagabend begonnen, die Sicherheitskräfte zu bedrängen, die in ein Problemviertel im Norden von Amiens eingerückt waren, nachdem es dort bereits am Sonntag Zusammenstösse gegeben hatte. Die Ausschreitungen dauerten bis Dienstagmorgen gegen 4 Uhr an.

Zusammenstöße seien „noch nie so schwerwiegend“

In dem Viertel im Norden von Amiens kommt es regelmässig zu Zwischenfällen, doch die Zusammenstöße seien „noch nie so schwerwiegend gewesen“, fügte die Präfektur hinzu. Der Bürgermeister von Amiens, Gilles Demailly, sprach von „trostlosen Szenen“. Er habe seit Monaten um Unterstützung gebeten, weil die Spannungen in dem Viertel gewachsen seien.

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Der Norden von Amiens zählt zu den landesweit 15 Sicherheitszonen, für die der neue sozialistische Innenminister Manuel Valls ab September zusätzliche Sicherheitsmassnahmen angekündigt hat. Präsident Hollande schickte Valls am Nachmittag vor Ort, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Valls wurde bei seiner Ankunft aber von Bewohnern ausgepfiffen.

Bewährungsprobe für Hollande

Für Hollande gelten die Ausschreitungen als die erste Bewährungsprobe im Bereich der inneren Sicherheit. Sein konservativer Vorgänger Nicolas Sarkozy hatte sich in diesem Bereich mit seiner Politik der harten Hand nicht nur Freunde gemacht.

Hollande kündigte an, im Kampf gegen die Gewalt sämtliche Mittel zu mobilisieren. Konkret bedeute dies, dass im kommenden Haushalt zusätzliche Gelder für die Polizei eingeplant würden. „Die Gewalt gegenüber der Polizei, die ausgebrannten Gebäude und die Menschen in Angst sind inakzeptabel“, sagte Hollande.

Der bei den Präsidentenwahlen im Mai über Sarkozy siegreiche Hollande hat mit einer Wirtschaft am Rande der Rezession, leeren Staatskassen und hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen.

Gefühl der Entfremdung

Von der Aussichtslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt besonders stark betroffen sind die Jugendlichen in den heruntergekommenen Vororten mehrerer Städte Frankreichs. Die Wut der Bewohner speist sich zudem aus einem Gefühl der Entfremdung von der übrigen Gesellschaft und dem latenten Dauer-Konflikt mit der Polizei.

Die schwersten Krawalle gab es bisher im Jahr 2005. Wegen der über Wochen anhaltenden Gewalt rief die Regierung damals den Notstand aus. Eine Debatte über die sozialen Brennpunkte in den Vororten und die Integration von Immigranten vor allem aus Afrika begann. Auch 2007 und 2010 gab es größere Zusammenstöße. (APA/dpa)


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