Wundern nach dem Wunder

Während der 70-jährige Deutsche, der fast eine Woche in einer Eisspalte überlebte, weiter beobachtet wird, kritisieren Experten das Verhalten des Mannes vor dem Absturz.

Von Marco Witting

Innsbruck –Es gehe ihm gut – den Umständen entsprechend. Der 70-jährige Mann aus dem bayerischen Schmidmühlen müsse nach sechs Tagen und Nächten in einer Gletscherspalte am Schrankogel jetzt einmal 48 Stunden auf der Innsbrucker Intensivstation bleiben. Dann werde er auf eine normale Station verlegt, erklärte die Klinik gestern.

Es ist die „wunderbarste“ Geschichte dieses Sommers. Und nicht nur die Retter wundern sich über den coolen Bergfex. Auch die Ärzte tun es. Darüber, wie glimpflich die Verletzungen letztlich doch waren: eine möglicherweise gebrochene Hüfte, die noch genauer untersucht wird, Unterkühlungen, Abschürfungen, Erfrierungen an den Zehen. Er habe nie die Hoffnung aufgegeben, hatte er den Ärzten erzählt. Und auch, dass er an seine Familie gedacht hätte.

Tirols Bergexperten wundern sich über den Vorfall ebenfalls. Ihre Meinung ist klar: Erst hat der Bayer alles falsch gemacht. Dann alles richtig.

Peter Habeler, Bergsteigerlegende und an Extremsituationen gewöhnt, sagte gegenüber der TT: „Ich ziehe meinen Hut vor der Kondition dieses Mannes.“ Habeler, übrigens selber Jahrgang wie der Bayer, kennt keinen derartigen Fall.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

„Der Mann muss Höllenängste gehabt haben. Andererseits muss er von der Psyche her ein echter ‚Riese‘ sein. Denn nur durch die Gelassenheit und die Disziplin, seine Tafel Schokolade zu rationieren, hat er überleben können.“

Doch Habeler mahnt auch die Fehler des Deutschen an. „Alleine über einen Gletscher zu gehen, ist ein absolutes No-go.“

In diese Kerbe schlägt auch Peter Veider, Geschäftsführer der Tiroler Bergrettung. „Dass der Mann alleine, ohne Steigeisen und Pickel auf einem Gletscher unterwegs war, spricht nicht für ihn.“ Dieses Verhalten sei ein Unding. Veider: „Man muss das anlässlich dieses Vorfalls wieder einmal zur Sprache bringen. Viele Bergsportler wollen das oft nicht wahrhaben.“

Mit einem derartigen Verhalten würden die Bergsteiger nicht nur sich, sondern auch die Retter in Gefahr bringen. „Wenn ich keine passende Ausrüstung habe, dann komme ich auch aus einer zwei Meter tiefen Spalte nicht heraus“, erklärt Veider.

Für den Bergrettungschef habe sich der 70-Jährige dann aber gut verhalten. „Die Situation war nicht ausweglos. Er ist nicht in Panik geraten und hat eine starke Psyche gehabt.“

Dass der Mann nicht erfroren sei, liege daran, dass die Temperatur in diesen Spalten nur knapp unter den Gefrierpunkt sinkt. Mit einer entsprechenden Kleidung sei dies kein Problem.

Auch in Deutschland hat die wundersame Rettung des Mannes für jede Menge Schlagzeilen gesorgt. Über 60 Medienvertreter haben sich am Dienstagnachmittag in der Innsbrucker Klinik nach dem Gesundheitszustand des Mannes erkundigt. Ob und wann dieser über seine Zeit in der Spalte berichten wird, steht noch nicht fest.


Kommentieren


Schlagworte