Über eine Billion faule Kredite in den Büchern von Europas Banken

Viele Verbraucher und Unternehmen können in der Krise ihre Bankkredite nicht mehr zurückzahlen. Die Folge: Die Institute haben Milliarden an faulen Krediten in ihren Büchern stehen.

Von Friederike Marx

Frankfurt – Erst Staatsanleihen, jetzt faule Kredite: Die Krise hält Europas Banken fest im Griff. In den Bilanzen der Institute schlummern einer Studie zufolge notleidende Kredite im Rekordvolumen von mehr als einer Billion Euro. Denn viele Verbraucher, Häuslebauer und Unternehmen - insbesondere in den südeuropäischen Krisenstaaten - können ihre Darlehen nicht mehr zurückzahlen.

Nach Berechnungen der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) standen Ende 2011 Verbindlichkeiten, die von den Gläubigern nicht fristgerecht getilgt wurden, im Nominalwert von rund 1,05 Billionen Euro in den Büchern. Das waren fast neun Prozent mehr als 2010, wie PwC am Mittwoch in Frankfurt mitteilte. Vor allem die Banken in den Euro-Krisenländern Griechenland und Spanien hatten mehr Problemkredite in den Bilanzen.

Mehr Problemkredite als nach Lehman-Pleite

Deutsche und britische Institute trotzten dem Trend. Das Volumen blieb mit 196 Milliarden Euro beziehungsweise 172 Milliarden Euro im vergangenen Jahr gegenüber 2010 konstant. In Griechenland stieg der Nominalwert der faulen Kredite hingegen um fast 50 Prozent auf 40 Milliarden Euro, in Spanien um 23 Prozent auf 136 Milliarden Euro und in Italien um 37 Prozent auf 107 Milliarden Euro.

„Die schlechte wirtschaftliche Entwicklung in Südeuropa hat im vergangenen Jahr erwartungsgemäß zu mehr Zahlungsausfällen von Kreditschuldnern geführt“, erklärte PwC-Experte Markus Burghardt. Zwar sei das Volumen der notleidenden Verbindlichkeiten insgesamt nicht mehr so stark gestiegen wie in den Vorjahren. Doch zeigt ein Vergleich mit dem Jahr 2008 - dem Höhepunkt der Finanzkrise nach der Lehman-Pleite - wie groß das Problem ist. Damals hatten Europas Geldhäuser Problemkredite im Volumen von gut 500 Milliarden Euro in den Büchern stehen.

Weitere Risiken durch Staatsanleihen

Ein weiteres Problem: Der Abbau der notleidenden Verbindlichkeiten geht den Angaben zufolge nur schleppend voran. Die Institute fänden nach wie vor nur wenige Käufer für ihre Kreditportfolien. Banken müssen für Kreditausfälle Risikovorsorge bilden, was das Ergebnis schmälert. PwC wertete die Geschäftsberichte der Banken sowie Daten verschiedener Notenbanken aus. Erfasst wurde den Angaben zufolge der gesamte Bankensektor.

Neben den Problemkrediten schlummern in den Bilanzen europäischer Banken auch immer noch Staatsanleihen aus südeuropäischen Euro-Krisenstaaten in Milliardenhöhe. Zwar haben die Institute ihr Engagement deutlich verringert, doch lassen sich Bonds mit sehr langen Laufzeiten Experten zufolge nicht so leicht verkaufen. „Die Banken, die ihre Position schnell mindern wollen, können das meist nur mit deutlichen Abschlägen“, sagte Branchenexperte Dirk Müller-Tronnier von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young dem „Handelsblatt“. (dpa)


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