„Tödliche Konkurrenz zwischen Teller und Tank“

Die Einführung von E10-Biosprit wird in Österreich weiter vorangetrieben. Doch die Kritik am Kurs der Bundesregierung wird immer lauter.

Symbolfoto
© dapd

Wien – Die infolge von weltweiten Missernten und Agrarspekulationen gestiegenen Nahrungsmittelpreise lassen die Kritik am Biosprit - also Treibstoff aus Getreide oder Mais - wieder neu aufflammen. In Deutschland hat sich am Wochenende erstmals ein Regierungsmitglied für einen sofortigen Verkaufsstopp des umstrittenen Biosprits E10 ausgesprochen. „Gerade bei steigenden Lebensmittelpreisen kann Biosprit zu stärkerem Hunger in der Welt beitragen“, sagte Entwicklungsminister Dirk Niebel. In Österreich hält Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich am Plan fest, E10 im Herbst einzuführen.

„Es wird nur ein ganz geringer Anteil an Getreide für die Bioenergieproduktion verwendet. Die Nahrungsmittelproduktion ist in keinster Weise gefährdet“, sagte am Donnerstag ein Sprecher von Berlakovich. Sowohl in Österreich als auch europa- und weltweit stünden „Flächen- und Produktionspotenziale in mehr aus ausreichendem Maß zur Verfügung“.

Start von E10 noch nicht fixiert

Wann genau der – in Deutschland anfangs sensationell gefloppte – Biosprit in Österreich genau kommen soll, hänge vom Koalitionspartner respektive dem Büro von Verkehrsministern Doris Bures (S) ab. „Es laufen Verhandlungen.“ Kürzlich, im August, habe es ein „Spitzengespräch“ gegeben. Die offengebliebenen Punkte würden jetzt geklärt. Hauptsächlich gehe es um die Information der Bevölkerung. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“, etwa eine Informationskampagne geplant. Damit will man wohl vermeiden, dass die Autofahrer - wie in Deutschland - E10 aus Angst um ihre Motoren boykottieren.

Berlakovich hat mit seinem E10-Vorhaben - bis auf die Biosprit-bzw. Agrarbranche - wenige Mitstreiter. Die Debatte in Deutschland gibt heimischen Kritikern Aufwind. Umweltschützer sind der Meinung, Treibstoff aus Getreide, Mais oder Zuckerrüben füge der Umwelt mehr Schaden als Nutzen zu. Die klimaschädlichen Treibhausgase würden lediglich in Richtung Landwirtschaft verlagert - „und wenn die Rohstoffe aus dem Ausland importiert werden, werden sie ins Ausland verlagert“, sagte Jurrien Westerhof von Greenpeace im Ö1-“Morgenjournal“.

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Konkurrenz zwischen Teller und Tank

Auch der Autofahrerclub ARBÖ erneuerte seine Kritik. Gerade jetzt, da die Preise von Getreide und Mais in die Höhe schnellten, sei ein denkbar schlechter Zeitpunkt für die Einführung von E10. Generalsekretärin Lydia Ninz sieht eine Teuerungswelle auf Österreichs Autofahrer zurollen.

Massive Bedenken puncto Biosprit äußern auch Entwicklungshilfeorganisationen. „Es gibt eine tödliche Konkurrenz zwischen Teller und Tank, und da sage ich, das Teller muss gewinnen“, sagte Caritas-Auslandshilfechef Christoph Schweifer im „Morgenjournal“. Vor allem in den USA, wo momentan 40 Prozent der Ernte in Raffinerien landen, brauche es einen Biotreibstoffproduktionsstopp oder zumindest eine -drosselung, in Europa ein Moratorium.

Neben der Dürre und der vermehrten Biospritproduktion trieben aber auch der weltweit steigende Fleischkonsum sowie insbesondere die Spekulationen auf Nahrungsmittel die Preise nach oben. „Die verschärft die Steigerungstendenzen massiv“, so Schweifer. Mais hat sich seit Juni um 50, Soja um 30 Prozent verteuert.

„Ein viel zu großes Geschäft“

Die Wettgeschäfte an den Agrarmärkten gehörten strikt reglementiert, fordert der Caritas-Experte. Dass diese angesichts der Verschärfung der Hungerproblematik von alleine aufhörten, glaubt Schweifer nicht. Dies sei „ein viel zu großes Geschäft“. 2003 seien 13 Mrd. Euro in diesem Sektor aktiv gewesen, 2008 über 300 Mrd. Euro, jetzt „wesentlich mehr“. Ein Investmentbanker habe kürzlich gesagt, „die Dürre in den USA ist wie wenn ein Goldhahn aufgedreht würde“, sagte Schweifer. (APA)


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