Agrar-Preisschock: Auch Tiroler Bauern betroffen

Teure Agrarrohstoffe schlagen laut Bauernkammer auf Tirols Landwirte durch. Experten sehen Dürre, Missernten, Biosprit und Spekulanten als Preistreiber und warnen vor globaler Nahrungsmittelkrise.

Wien – Die Preisschocks bei Agrarrohstoffen wie Mais und Weizen lassen die Alarmglocken schrillen – es droht ei-ne globale Lebensmittelkrise. Nach Angaben der Weltbank ist der Maispreis seit vergegangenem Juni um 45 % gestiegen. Der Weizenpreis ist im selben Zeitraum um 50 % explodiert, Soja wurde um 30 % teurer. Daran sind laut den Verantwortlichen des UN-Welternährungsprogrammes WFP Ernteausfälle von Europa bis nach Kasachstan schuld. Zu-dem sind etwa 60 % der USA von der schweren Dürre betroffen. Der berühmte „Corn Belt“ (Maisgürtel), in dem der größte Teil des Maises in den USA angebaut wird, liegt im Epizentrum der Trockenheit.

Hinzu kommt, dass rund 40 Prozent der Maisernte in Raffinerien landen, die Biosprit produzieren. „Es gibt eine tödliche Konkurrenz zwischen Teller und Tank, und da sage ich, das Teller muss gewinnen“, kritisierte Caritas Auslandshilfechef Christoph Schweifer im Radio. Neben Dürre und Agrosprit trieben laut Schweifer auch der weltweit steigende Fleischkonsum sowie die Spekulationen auf Nahrungsmittel die Preise nach oben. Er fordert, die Wettgeschäfte an den Agrarmärkten zu reglementieren. 2003 seien 13 Mrd. Euro in diesem Sektor aktiv gewesen, 2008 über 300 Mrd. Euro, jetzt „wesentlich mehr“. Ein Investmentbanker habe kürzlich gesagt, „die Dürre in den USA ist, wie wenn ein Goldhahn aufgedreht würde“, sagte Schweifer.

Für Tirols Landwirtschaftskammerchef Josef Hechenberger erreicht die Entwicklung der Agrarpreise eine neue Dimension. „Unter der Getreidethematik leiden auch die Tiroler Bauern, weil sie auf das Ausgleichsfutter angewiesen sind“, so Hechenberger: „Ich schätze, dass Zukaufsfutter seit dem Frühsommer um 20 Prozent teuer geworden ist.“

Bäcker und Fleischer in Österreich haben bereits Preiserhöhungen angekündigt. Die Arbeiterkammer befürchtet aber auch eine vorgeschobene „Preistreiberei“. Preissteigerungen bei Rohstoffen, die nur einen geringen Anteil am Produkt ausmachen, könnten als Vorwand für Lebensmittelverteuerung hergenommen werden. „Irgendwo auf der Welt gibt es Missernten und schon wird das als Grund für Teuerungen vorgeschoben“, kritisiert Silvia Angelo, Leiterin der Abteilung Wirtschaftspolitik der AK Wien. „Tatsächlich heizen Börsenspekulanten die Preise an, Biosprit macht alles teurer, und es fehlt Transparenz, was an Rohstoffmengen vorhanden ist.“ Sie fordert die Wettbewerbsbehörde auf, „je-ne, die jetzt Preiserhöhungen angekündigt haben, genau unter die Lupe zu nehmen“.

Eugen Weinberg, Agrarexperte der deutschen Commerzbank, sieht langfristig die Gefahr weiterer Verteuerungen der Agrarrohstoffe, etwa durch das Wachstum der Weltbevölkerung. Laut UN kommen zu den rund 7 Mrd. Menschen jede Sekunde statistisch 2,6 Menschen hin-zu. Etwa eine Milliarde Menschen hungern. Dazu spielten steigende Energiepreise eine wichtige Rolle bei der Lebensmittelverteuerung. Ralf Südhoff, Leiter des UN-Welt-ernährungsprogrammes WFP, warnt jedenfalls: „Der Welt droht die dritte Preiskrise für Nahrungsmittel binnen fünf Jahren. Dies trifft Millionen Menschen umso härter, da sie keine Chance hatten, sich von den vorherigen Krisen zu er-holen.“ (TT, APA, dpa)


Kommentieren


Schlagworte