Träume vom Glück und Unglück der Liebe

Der kanadische Regisseur Jean-Marc Vallée verliert sich mit „Café de flore” in der 60er-Jahre-Ästhetik.

Innsbruck –Das Gelingen einer Patchwork-Familie wird meistens aus der Perspektive der Erwachsenen beurteilt. Antoine (Kevin Parent) besitzt im kanadischen Montreal eine Villa mit Pool, der von seinen beiden Töchtern bewacht wird. Sie sehen es nicht gern, wenn Rose (Evelyne Brochu), die Geliebte des Vaters, zur Erfrischung in das Wasser springt. Eine weibliche Offstimme sagt, das Glück sei für Antoine vollkommen, man habe keine finanziellen Probleme. Antoine muss als ausgebuchter DJ aber schon wieder zum Flughafen. In einer langen Brennweite verschwindet er in der Unschärfe, während im Vordergrund eine Reisegruppe aus lauter Jugendlichen mit Down-Syndrom sichtbar wird.

Jacqueline (Vanessa Paradis) geht es – 1962 in Paris – nicht so gut. Die Friseurin wurde nach Laurents Geburt vom Vater des Kindes verlassen. Seither verbringt die alleinerziehende Mutter jede Sekunde mit ihrem am Down-Syndrom leidenden Sohn.

Die anderen Kinder bezeichnen Laurent natürlich als Mongoloiden, daher muss die Mutter Laurent auch beim Spielen überwachen und aggressive Kinder mit drastischen Vergeltungsmaßnahmen bedrohen. Für Antoine ist das Leben in Montreal auch kein Honiglecken. Seine Ehefrau Carole (Hélène Florent) kann die Trennung nicht akzeptieren. Wenn sie im Abendverkehr mit ihrem Auto Gas gibt, schließt sie gern die Augen. In gefährlichen Momenten schneidet Jean-Marc Vallée entweder zu Antoines angespanntem Familienleben oder zu Jacqueline, die mit Sorge eine Liebesgeschichte ihres Siebenjährigen mit einer ebenfalls unter Down-Syndrom leidenden Mitschülerin beobachtet. Glücklicherweise hat Carole die Raserei überlebt und breitet in einem Café ihren Kummer vor einer Freundin aus. Als auf der Straße ein Bub mit dem Aussehen Laurents vorbeigeht, sagt sie ihrer Freundin: „Von diesem Jungen habe ich heute geträumt!” Während sich die Freundin darüber keine Gedanken macht, kommt uns im Kino natürlich ein furchtbarer Verdacht, der schließlich bestätigt wird.

Nach „The Young Victoria”, seinem Ausflug in den Kostümfilm, nimmt der franko-kanadische Regisseur Jean-Marc Vallée mit „Café de flore” den Atem seines Welterfolgs „C.r.a.z.y.” (2005) auf und schmückt seine Inszenierung mit der 60er-Jahre-Ästhetik eines Claude Lelouch. Nur den Schmeichelklangteppich von Francis Lai tauscht er gegen Pink Floyd und Matthew Herberts Chanson „Café de flore”, das einmal auch von Vanessa Paradis gesungen wird. (p. a.)

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