Griechenlands kreative Notkredite - Die allerletzte Geldquelle

Der Finanzsektor ist vom privaten Kapitalmarkt abgeschnitten. Auch die EZB rückt kein Geld mehr heraus. Das hochverschuldete Land hält sich mit Notkrediten über Wasser.

Von Hannes Breustedt, dpa

Frankfurt/Athen - Die Euro-Staaten blockieren derzeit weitere Hilfen für Griechenland, um Sparfortschritte zu erzwingen. Auch die EZB hält sich zurück. Athen umgeht den Bankrott mit trickreichen Methoden. Um die Pleite abzuwenden, setzen Griechenland und seine Banken immer kreativere Strategien ein. Die maroden Finanzinstitute im hochverschuldeten Euroland halten sich mit Notkrediten über Wasser - der sogenannten „Emergency Liquidity Assistance“ (ELA). Denn der Finanzsektor ist vom privaten Kapitalmarkt abgeschnitten. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) rückt kein Geld mehr heraus.

Letzte Geldquelle

Seit Juli nimmt die EZB keine griechischen Staatsanleihen mehr als Sicherheit an. Die Euro-Staaten haben zugleich weitere Hilfszahlungen blockiert, bis die Troika aus Europäischer Union, EZB und Internationalem Währungsfonds (IWF) ihren Bericht über die Spar- und Reformschritte in Athen abschließt.

Griechenland zapft deshalb seine letzte Geldquelle an. Die Geldhäuser, die griechische Zentralbank und der Staatshaushalt sind dabei in gegenseitiger Abhängigkeit verquickt. Um fällige Anleiheschulden bei der EZB begleichen zu können, veranstaltete das griechische Finanzministerium diese Woche Geldmarktauktionen. Käufer der kurzlaufenden Schuldverschreibungen des Staates waren vor allem griechische Banken. Diese reichen die Papiere wiederum im Rahmen der ELA-Kreditlinie bei der griechischen Notenbank ein und erhalten frisches Geld. Das ELA-Geld wird von der griechischen Zentralbank bereitgestellt, die auch dafür haften soll. Die Ausfallgefahr liegt formal beim Staat - doch der hängt am Tropf internationaler Geldgeber. Deshalb tragen diese letztlich auch das Risiko.

Die EZB duldet das, obwohl ELA-Notkredite eigentlich nur dafür gedacht sind, kurzfristig Liquiditätsprobleme zu vermeiden. Noch sprudelt Athens letzte Quelle kräftig: Die ELA-Kredite sind im Juli von 61,94 Mrd. Euro rasant auf 106,31 Mrd. Euro geklettert, wie aus Zahlen der griechischen Zentralbank hervorgeht.

Geschäftsbanken müssen zwar Sicherheiten - in der Regel Wertpapiere - hinterlegen, um sich Geld aus dem ELA-Topf zu besorgen. Die Ansprüche an diese Pfandtitel sind jedoch gering und können von den nationalen Notenbanken eigenmächtig festgelegt werden. Analysten zweifeln deshalb, ob sie bei einem Zahlungsausfall wirklich Schutz vor Verlusten bieten würden. Kritiker sprechen von einem „Fass ohne Boden“.

Prüfbericht der Troika

Warum sind die ELA-Kredite im vergangenen Monat so rapide gestiegen? „Der Grund liegt in der Entscheidung der EZB, vorübergehend keine griechischen Staatsanleihen mehr als Sicherheit für Zentralbankgeld zu akzeptieren“, erklärt Jürgen Michels, Europa-Chefvolkswirt der Citigroup. Die Notenbank hat die griechischen Banken faktisch von ihrer regulären Geldversorgung ausgeschlossen. Die EZB will erst entscheiden, ob sie griechische Staatstitel wieder als Pfand akzeptiert, wenn der nächste Prüfbericht der Troika vorliegt. Damit ist jedoch frühestens im September zu rechnen. Vorerst bleiben die griechischen Banken also auf ELA-Kredite angewiesen.

Dabei handelt es sich um ein geldpolitisches Notstandsinstrument, über das nationale Notenbanken der Eurozone ihren Finanzsektor mit Krediten versorgen können. Normalerweise sollen damit lediglich vorübergehende Mittel-Engpässe in absoluten Ernstfällen überbrückt werden.

Die Deutsche Bundesbank hatte beispielsweise davon Gebrauch gemacht, um 2008 und 2009 den darniederliegenden Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate zu stützen. In Griechenland und Irland ist die ELA jedoch im Laufe der Krise zum Dauerwerkzeug geworden. Die EZB soll zwar darüber wachen, dass der Einsatz nicht überstrapaziert wird und kann ihn mit Zweidrittelmehrheit blockieren. Dennoch lässt sie in Griechenland das Kuriosum zu, dass die dortige Zentralbank die Geschäftsbanken mit Geld versorgt, für das sie selbst haftet - und damit letztlich der klamme griechische Staat.

Mit diesem Kunstgriff kann sich Athen zwar kurzfristig vor dem Zahlungsausfall bewahren. Doch das Krisenland kann lediglich Atempausen kaufen. Etliche Marktbeobachter glauben nicht mehr an eine Wunderheilung.


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