„Beides probiert, kein Vergleich“

Der neue Stadtrat für die Stadtentwicklung in Innsbruck, Gerhard Fritz, über den Rollenwechsel der Grünen, Wahlempfehlungen, den Vorteil gründerzeitlichen Bauens und eine sozialere Wohnbauförderung.

Wie grün ist Innsbruck seit dem Regierungseintritt der Grünen?

Gerhard Fritz: Es ist auf dem Weg, durch sehr gute und offene Zusammenarbeit in der Regierung etwas grüner zu werden. Zum Beispiel: Keine Bäume werden mehr ohne vorherige Information gefällt. Und wenn, dann nicht, weil sie irgendwem im Weg stehen. Es sind diese kleinen Details – alle Planer sitzen gleichberechtigt an einem Tisch.

Fühlen sich die Grünen in der Regierung mit Für Innsbruck und SP als gleichberechtigte Partner?

Fritz: Unbedingt. Die Größenunterschiede sind ja nicht so, dass der Schwanz mit dem Hund wedeln könnte. Wir wissen, dass wir die Wahl gemeinsam gewonnen haben und dass wir uns vertrauen können. Deshalb können wir Meinungsverschiedenheiten offen austragen, aber niemand hintergeht irgendwen.

Nicht nur im Gemeinderat hat sich gezeigt, dass einige erst mit ihren neuen Rollen zurechtkommen müssen. Sind die Grünen in der Regierung angekommen?

Fritz: Ja. Es war uns klar, dass mit grüner Regierungsbeteiligung nicht das Paradies auf Erden ausbrechen noch das Regierungsprogramm binnen drei Monaten umgesetzt wird. Wir sehen aber jeden Tag, dass es gescheiter ist, am Drücker zu sitzen, als vom Spielfeldrand hineinzukeppeln.

Ist das für die Landtagswahl eine Empfehlung an die Tiroler Grünen, unbedingt in die Regierung zu müssen?

Fritz: Da kann ich nur zitieren. Opposition und Regierung: beides probiert, kein Vergleich. Jede Partei, die nicht nach Regierungsverantwortung strebt, ist auf dem falschen Dampfer. Jemand, der danach strebt, sich als Opposition pragmatisieren zu lassen, soll zurück in den Kindergarten gehen.

Sollen die Grünen auch versuchen, die Landes-ÖVP in Opposition zu schicken?

Fritz: Da gebe ich ein Jahr vor der Wahl keine Prognosen ab und erteile dem Landtagsklub keine Belehrungen. Ob man mit Wunschkoalitionen in eine Wahl reingeht, das hat sich in Innsbruck bewährt, muss aber in anderen Konstellationen nicht das intelligenteste aller Mittel sein. Dem Wähler vorher zu sagen, was man sich vorstellen kann, dürfte aber bei Leuten gut ankommen.

Leistet die ÖVP in der Stadt denn eine gute Oppositionsarbeit?

Fritz: Nein. Im stillen Kämmerlein – also Stadtsenat oder Bauausschuss – praktisch zu 99,5 Prozent alles mitzubeschließen und dann wegen irgendeiner Kleinigkeit im Gemeinderat ein Theater zu machen, das ist in meinen Augen kein guter Oppositionsstil. Da behaupte ich, dass wir zumindest in der letzten Periode eine konstruktivere Opposition waren, als es die ÖVP in den ersten hundert Tagen war.

Sie haben mit der Stadtplanung – neuerdings Stadtentwicklung – ein zentrales Ressort in Innsbruck übernommen. Was heißt Stadtentwicklung für Sie?

Fritz: Jedenfalls mehr als Bauen. Die Stadt ist ein sozialer Organismus, mehr als nur eine Ansammlung von Gebäuden. Es geht darum, Rahmenbedingungen für ein kluges, solidarisches, nicht immer einfaches Zusammenleben von Menschen in der Stadt zu schaffen.

Bisher war die Stadtplanung durch markante Großbauten geprägt, wie Kaufhaus Tyrol, Rathaus oder die neuen Stadtteile Tivoli, Lodenareal oder das dritte olympische Dorf. Für große Projekte scheint kaum noch Platz da.

Fritz: Es gibt schon noch große städtebauliche Erwartungsgebiete. Und auch die eine oder andere Möglichkeit der Stadterweiterung, wie Hötting West oder Kranebitten, Sieglanger.

Aber wohin soll die Reise in Sachen Neubauten künftig gehen? Was kommt auf die Innsbrucker in den nächsten sechs Jahren zu?

Fritz: Innsbruck wächst – nur mit der Verdichtung im bestehenden Bauland bzw. der letzten Baureserven werden wir nicht auskommen. Die Baulandgrenze wird im einen oder anderen Fall nach außen verschoben werden müssen. Dort, wo wir verdichten, müssen wir schauen, dass Infrastruktur vom Kindergarten bis zum Nahversorger und Freiraum da ist, damit es für die Bewohner erträglich wird. Im Neubau müssen wir über Alternativen bis hin zu den Grundrissen nachdenken. Es kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, dass wir 40 Quadratmeter pro Nase verbrauchen. Es gibt Häuser mit flexiblen Grundrissen, die sozusagen mit der Familienstruktur mitwachsen und sich wieder verkleinern können. So wie in der Gründerzeit gebaut worden ist.

Wird also derzeit zu wenig platzsparend gebaut?

Fritz: Für manche Sektoren ja. Wenn wir für Tiefgaragenplätze mehr wohnbaugeförderte Quadratmeter zur Verfügung stellen als für ein Kinderzimmer. Wir wollen nicht das Wohnelend der Gründerzeit wieder haben. Es ist aber eine Tatsache, dass wir bauen und bauen, aber immer 2000 Wohnungssuchende haben. Warum? Weil Antworten auf den Bedarf letztlich immer auf Privatisierung hinauslaufen. Junge Familien haben ein Recht auf geförderten Wohnraum. Aber danach? Wohnen sie bis in die nächsten drei Generationen völlig unabhängig vom Einkommen in einer geförderten Wohnung, obwohl sie eigentlich keinen Bedarf mehr haben. Und die nächsten stehen schon vor der Tür. Oder noch schlimmer: Wenn subjektgeförderte Eigentumswohnungen abgezahlt sind, dann kann man damit am freien Markt spekulieren. Das kann nicht Sinn der Wohnbauförderung sein.

Um soziales Wohnen billiger zu machen, fordern die Bauträger eine Senkung der gesetzlichen Standards. Ist das ein Ansatz?

Fritz: Laufend zu überprüfen, ob bei Normen und Vorschriften nicht unnötige Kostentreiber dabei sind, finde ich einen ganz vernünftigen Ansatz. Nicht aber zum Beispiel bei der Barrierefreiheit, die gibt‘s nicht zum Nulltarif.

Aber eine Abkehr von Sozialwohnungen in quasi Passivhausstandard-Ausführung würde wohl dem Credo der Grünen, so energiesparend wie möglich zu bauen, zuwiderlaufen.

Fritz: Ja, schon. Es geht aber nicht nur um den Passivhausstandard allein. Mein Standardspruch ist: Die gute alte gründerzeitliche Blockrandverbauung ist ökologischer als das Einfamilienhaus auf der grünen Wiese mit noch so vielen Solarzellen am Dach. Dichtes, kompaktes städtisches Bauen spart schon per se Energie.

Eine große offene Frage ist die Zukunft der Grassmayrkreuzung, ein Projekt, das die Ampelkoalition auf die Dissensliste gesetzt hat.

Fritz: Es wird ein breites Bürgerbeteiligungsverfahren geben. Und allen ist klar, dass auch die Nullvariante da mitzudenken ist. Es geht um die Frage: Brauchen wir das, wollen wir das um diesen Preis? Von unserer Seite ist klar: Was immer da rauskommt, wird akzeptiert. Auch wenn eine Mehrheit den Tunnel haben will.

Was wird am Ende der Amtszeit eher verwirklicht sein: das Haus der Musik, der MCI-Neubau oder die Markthalle?

Fritz: Das Haus der Musik und der Kulturbezirk rundherum, weil die Vorüberlegungen schon am weitesten gediehen sind. Auch die Markthalle kann ich mir vorstellen. Das halte ich aber für schwieriger, weil noch wenig von den Voraussetzungen da ist. Und beim MCI höre ich, dass sich die Bereitschaft von Bund und Land in Grenzen hält. Die Stadt wird aber bis Herbst die Vorleistungen liefern.

Das Interview führte Manfred Mitterwachauer


Kommentieren