ÖFB-Boss Windtner: „Wir bleiben der große Außenseiter“

Leo Windtner, Präsident des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB), über den Auftakt zur WM-Qualifikation gegen Deutschland, die Handschrift von Marcel Koller und die Londoner Nullnummer.

Der ÖFB hat ja einen Präsidenten, der ein Spiel auch mit den Augen eines ehemaligen Fußballers sieht. Hat der Ex-Kicker Leo Windtner beim 2:0 gegen die Türkei bereits so etwas wie eine Handschrift von Teamcoach Marcel Koller erkannt?

Leo Windtner: Koller ist auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel: Wann in den letzten Jahren hat man ein ÖFB-Team gesehen, das in seinem Pressing so aggressiv und effizient war wie das gegen die Türkei? Klar braucht es zu einer so schnellen 2:0-Führung auch Glück. Aber ich denke, dass die Entstehungsgeschichte zu den Toren irgendwann in der Vorbereitung auf der Taktiktafel gestanden ist. Wir haben nach dem 0:0 gegen die Rumänen das zweite Mal in Serie zu Null gespielt, wir haben von den letzten vier Spielen drei gewonnen. Gegen die Türken war ganz klar ein Konzept zu erkennen. Fußball auch als Denksport – mir hat es ganz gut gefallen.

Dass mit Marcel Koller seit November 2011 ein Schweizer das rotweißrote Team führt, hatte für einige Irritation gesorgt. Allerdings schaut es ganz so aus, als ob es Koller schon gelungen wäre, die ehemaligen Skeptiker auf seine Seite zu bringen.

Windtner: Mir imponiert Koller nicht nur durch seine Arbeit auf dem Rasenviereck. Auch als Führungspersönlichkeit: Er führt das Team konsequent und mit sozialem Gespür. Er ist immens fleißig und beherrscht intern die hohe Kunst des Lobens und die leidige Pflicht des Kritisierens, er geht auf die Leute zu, ist kommunikativ. Er behandelt flüchtig bekannte Fans oder Fremde genauso höflich und aufmerksam wie die ihm beruflich Anvertrauten. Er ist offen, freundlich – und in dem Maß distanziert, wie man es in so einer Position auch sein sollte.

Aber es gibt sogar ÖFB-Teamspieler, die das ein wenig anders sehen. Etwa Paul Scharner. Der hat am Lack seines Vorgesetzten ziemlich gekratzt, bevor er aus dem Teamcamp geflüchtet war.

Windtner: Ich weiß nicht, welcher Teufel den Paul Scharner da geritten hat. Und ich finde es ziemlich schade. Denn irgendwie haben den Paul ja viele gemocht. Aber ich habe ihn für gescheiter gehalten. Er musste doch wissen, dass es eine Stammplatzgarantie nicht einmal im Unterhausfußball gibt. Und schon recht nicht, wenn die interne Konkurrenz Dragovic, Prödl und Pogatetz heißt. Mit seiner Abreise hat er sich selbst aus dem Team katapultiert. Wir haben uns ja im ÖFB-Präsidium einstimmig dafür ausgesprochen, dass Scharner nie mehr im Team spielen wird. Koller hat in dieser Causa unsere uneingeschränkte Unterstützung.

Wer die Türkei 2:0 besiegt, hängt sich wieder einen Rucksack voller Erwartungen um. Und provoziert die österreichische Fußballseele zu großer Hoffnung. Was bedeuten die guten Teamergebnisse im Jahr 2012 für den ersten großen WM-Qualifikations-Hit gegen Deutschland am 11. September in Wien?

Windtner: Dass wir weiterhin großer Außenseiter sind, dass wir nur überraschen können, wenn alles passt, wenn jeder seine individuelle Höchstklasse abrufen kann und wenn sich diese Klasse durch eine perfekte Taktik noch multipliziert.

Ist es ein Vorteil, dass Deutschland nach dem Aus im EM-Halbfinale auch gegen Argentinien 1:3 verloren hat und plötzlich hart kritisiert wird?

Windtner: Wer kann das schon sagen. Möglich, dass die Löw-Truppe durch die Kritik von außen innerlich noch gestärkter ist, möglich auch, dass ein Rest von Verunsicherung da ist.

Wenn dem so wäre, müssten wir vom Anpfiff an trachten, einer deutschen Irritation Nahrung zu geben. Wie dies taktisch möglich ist, wird unser Teamchef besser wissen. Zumindest wissen wir nach der herben Kritik an den deutschen Teamkickern und seinem Erfolgstrainer Jogi Löw, dass nicht nur die österreichische Seele zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt schwankt und wankt.

Windtner: Mir fehlt jegliches Verständnis für die Schärfe der medialen Kritik an einem Nationalteam, das in der FIFA-Weltrangliste hinter Spanien auf Platz zwei rangiert. Da ist das Maß verloren gegangen, auch der Respekt vor den Gegnern. Sport ist ja mehr als Sieg und Niederlage. Es geht auch darum, wie man mit Sieg und Niederlage umgeht.

Wie sind Sie als Sportbegeisterter mit der Vorstellung der rotweißrote Olympioniken umgegangen?

Windtner: Mit dem notwendigen Respekt vor großartigen Leistungen. Man muss aufpassen, dass man der Dramaturgie und der Eigendynamik solcher Großereignisse nicht auf den Leim geht. Da werden überzogene Erwartungen geschürt, um dann enttäuscht zu tun, wenn sich die nicht erfüllen. Ich hätte unseren Sportlern gewünscht, erfolgreicher zu sein. Aber möglicherweise sind Olympische Spiele ohne Medaillen ja Anlass, es in Zukunft besser zu machen. Grundsätzlich wehre ich mich dagegen, das Abschneiden unserer Sportler als „Schmach für Österreich“ zu interpretieren.

Die Spiele von London werden nicht ohne Konsequenzen bleiben. So wurde u. a. mit Toni Innauer ein ehemaliger Wintersportler genannt, der den Sommersportlern das Erfolgsgen einpflanzen soll. Das schaut ganz danach aus, dass nach einem neuerlichen Scheitern bei der WM-Qualifikation in Österreich darüber diskutiert wird, ob nicht ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel auch den Fußball in seine Verantwortung nehmen soll.

Windtner: Dass man von den Wintersportlern lernen kann, steht außer Frage. Ebenso, dass man in einem kleinen Land die Kräfte bündeln muss. Ein Toni Innauer findet mit seiner Erfahrung, seinem Wissen, seiner Persönlichkeit sicherlich überall Gehör. Aber natürlich lässt sich das Erfolgsmodell des Alpinen oder Nordischen Skisports nicht auf den Sommersport und schon recht nicht auf den Weltsport Fußball übertragen. Aber wenn die Politik jetzt den Sport zu einem nationalen Anliegen machen will – und das sollte schon mit dem Schulsport beginnen –, wird es auch uns nützen.

Was in der rotweißroten Bundesliga geboten wird, sieht gar nicht so aus, als ob sich der Fußball in Österreich kontinuierlich weiterentwickelt hätte.

Windtner: Da bin ich nicht ganz Ihrer Meinung. Schließlich hat der österreichische Fußballsport in seiner Gesamtheit ja auch jene Spieler „produziert“, die schon in jungen Jahren für ausländische Klubs von Interesse sind. Wären alle Legionäre in Österreich geblieben, hätten wir eine hochklassigere nationale Meisterschaft. Aber wir haben uns auch nach den ökonomischen Gesetzen des Fußballs zu richten. Und wer will schon die Karriere eines großen Talentes blockieren, indem er ihn nicht ans Ausland freigibt? Wer will es den Klubs verbieten, sich mit dem Verkauf von Talenten finanziell über Wasser zu halten? Ich glaube, wir sind grundsätzlich auf dem richtigen Weg. Möglicherweise erbringt das Nationalteam ja den Beweis dafür. Ich habe ein gutes Gefühl.

Das Gespräch führte Hubert Winklbauer


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