Was passiert mit Julian Assange? – Diplomatischer Krimi geht weiter

Julian Assange bleibt rätselhaft. Sein mit Spannung erwarteter Auftritt auf dem Balkon der ecuadorianischen Botschaft in London speiste mehr die Spekulationen, als Antworten zu geben. Die diplomatischen Drähte glühen.

Von Michael Donhauser und Britta Gürke/dpa

London – Was passiert mit Julian Assange? Wer sich von dem Auftritt des 41 Jahre alten Australiers am Sonntag im Herzen von London konkrete Aufschlüsse über dessen Zukunft erhofft hatte, wurde enttäuscht. Der Internetrebell trat in feinem hellblauen Hemd, roter Krawatte und neuer Kurzhaarfrisur auf und tat auf dem Botschaftsbalkon das, was man erwarten durfte: Er bedankte sich artig bei Volk und Präsident von Ecuador, das ihm am vergangenen Donnerstag Asyl gewährt hatte. Und genauso bei seinen Unterstützern in aller Welt.

Assange schien diese Szene nach Monaten ohne öffentlichen Auftritt zu genießen: Er auf dem Balkon, knapp unter seinen Füßen eine Hundertschaft Polizei - aber außer Reichweite. Der Wikileaks-Gründer verließ bewusst nicht das Hoheitsgebiet Ecuadors - andernfalls hätte er seine Festnahme durch die britische Polizei riskiert. Mit seiner Flucht in die Botschaft vor acht Wochen hatte er die Auflagen gebrochen, die ihn vor der Auslieferungshaft nach Schweden bewahrt hatten. Die dortigen Behörden wollen ihn mittels eines EU-weiten Haftbefehl in die Hände bekommen, weil ihm Sexualdelikte angelastet werden.

Unterstützung aus Süd- und Mittelamerika

In seiner 19 Minuten langen Rede war dann zwischen den Zeilen doch ein wenig von dem zu hören, was Assange in den nächsten Tagen und Wochen vorhaben könnte. Er wies ausdrücklich auf die Unterstützung aus Süd- und Mittelamerika hin und verwies auf Länder wie Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Honduras oder Venezuela. Offensichtlich will er mit Hilfe seines Anwaltes Baltasar Garzon und der Regierung von Ecuador maximalen diplomatischen Druck aufbauen.

Immerhin hat er es schon jetzt geschafft, mit Australien, Großbritannien, Ecuador, Schweden und den USA fünf Nationen diplomatisch auf Trab zu halten. Am nächsten Freitag kommen in Washington die Außenminister der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) zusammen, um den Fall Assange zu diskutieren.

Der linksgerichtete, venezolanische Präsident Hugo Chavez sprach sich offen für die Unterstützung der Linie Ecuadors aus. Auch Kolumbien und Argentinien sollen hinter Ecuadors Präsident Rafael Correa stehen. Der Australier ist damit von einem Fall für die Richter zu einem Fall für die große Politik geworden. Dass Großbritannien die diplomatische Tollpatschigkeit begangen und angedroht hatte, möglicherweise in die Botschaft Ecuadors einzudringen und deren Unverletzlichkeits-Status einzudringen, dürfte dem Pro-Assange-Lager in die Hände gespielt haben.

Nur Schweden kann Bewegung bringen

Bewegung kann eigentlich nur Schweden bringen. Hinter den Kulissen wird seit Wochen geschachert, um Schweden zu einem Kompromiss zu bewegen. Sie könnten sich etwa bereiterklären, ein Verhör von Assange in London zu arrangieren - oder eine Garantie abgeben, dass sie den Australier nicht an die USA weiterreichen. Dort droht ihm wegen der Wikileaks-Enthüllungen lebenslange Haft wegen Geheimnisverrats zu de Kriegen im Irak und Afghanistan. Dies sei seine große Furcht, ließ er über seine Anwälte ausrichten. Assange habe keine Angst vor der Strafverfolgung in Schweden, wohl aber vor einer Auslieferung an die USA. Bisher haben die Schweden allerdings keinen Millimeter Boden preisgegeben.

Assange holte sich in dem groß aufgezogenen Auftritt vor der Weltpresse prominente Unterstützung. Dass Modedesignerin Vivienne Westwood in einem verlesenen Statement ausrief: „Ich bin Julian Assange“, darf man getrost unter der Rubrik Polit-Show verbuchen. Ernster wurde es dagegen, als der frühere britische Botschafter in Usbekistan, Craig Murray, erklärte, es sei in der internationalen Geheimdiplomatie „Routine“, dass politisch unangenehme Personen mit strafrechtlichen Vorwürfen überzogen würden, vorzugsweise mit Sexualdelikten.

Tatsächlich wirft die Art, wie die Vorwürfe gegen Assange im Sommer 2010 zustande kamen, einige Fragen auf. Nicht einmal eine Anklage gegen ihn existiert bisher. Die offenen Fragen zu beantworten wiederum wäre Sache von Assange. Er bestreitet die Übergriffe auf zwei junge Schwedinnen, trägt aber wenig zur Aufklärung bei. Wie lange sich die Story des wohl prominentesten Enthüllers der Gegenwart noch um sich selbst drehen wird? Derzeit kann wohl niemand den Ausgang des Krimis voraussagen. Auf dem Botschaftsbalkon im noblen Londoner Viertel Knightsbridge schloss sich hinter erst einmal wieder die Tür.


Kommentieren


Schlagworte