Aug‘ in Aug‘ mit Partikelwesen

Die Architekturbiennale 2012 ist tirolerisch. „Intendant“ ist Arno Ritter, Regie führt Wolfgang Tschapeller, für die Umsetzung sorgen Rens Veltman und Martin Perktold.

Von Edith Schlocker

Schwaz –Wenn die Architektur­biennale von Venedig­ morgen in einer Woche­ eröffnet wird, haben im österreichischen Pavillon hoffentlich alle möglichen technischen Pannen bereits stattgefunden. Vorgestern sind wegen der derzeit extremen Hitze zwei für die Steuerung der Installation mit dem Titel „Hands have no tears to flow. Reports from/without­ Architecture“ notwendige Computer abgebrannt. Und gestern haben sich die für die Projektion der virtuellen Bilder an der Decke montierten­ fünf Beamer automatisch abgeschaltet. Damit das nicht mehr passieren kann, werden nun in aller Eile drei weitere Ventilatoren in den altehrwürdigen Josef-Hoffmann-Pavillon eingebaut.

Kommissär des heurigen Österreich-Beitrags zu der alle vier Jahre stattfindenden Architekturbiennale ist bekanntlich der Innsbrucker aut-Chef Arno Ritter. Das Drehbuch für die Rauminstallation stammt von dem Osttiroler, an der Wiener Akademie der bildenden Künste lehrenden Architekten Wolfgang Tschapeller, der auch „Regie“ führt. Für die Umsetzung seiner Ideen sind die Tiroler Künstler Rens Veltman­ und Martin Perktold verantwortlich. Auf künstlerisch höchstem Niveau ermöglicht durch eine Reihe von Partnern, die ihr Know-how zum größten Teil unentgeldlich in die Realisation des ehrgeizigen Projekts eingebracht haben. Etwa die aus Schwaz stammenden Weltmarktführer­ in Sachen TV-Software, vizrt, oder das Schwazer Vermessungs­büro trigonos.

Die gesamte Breitseite des Österreich-Pavillons mit einer­ Länge von 24 und einer Höhe­ von fünfeinhalb Metern wird zur Projektionsfläche einer­ Arbeit, in der es nicht um Architektur im engeren Sinn geht. Indem der Blick auf jene­ gelenkt wird, die sich üblicherweise in Architekturen befinden­. Also auf Menschen, die hier als fragile­ und transparente Partikelwesen schwere­los durch nicht vorhandene Räume surfen.

Dafür haben Veltman und Perktold seit Jänner Tag und Nacht experimentiert und schließlich 24 Menschen – junge­ und alte, dicke und dünne­ – in 3D erfasst und in jeweils 240 Bildern aus diversen Perspektiven fotogramm­metrisch vermessen. Diese digitalen Abbilder unterschiedlicher Körper wurden per Computer anschließend zu Punktwesen abstrahiert. In einer zweiten Stufe verschmolzen mit den Bewegungsdaten, die von einer­ Tänzerin und anderen Personen generiert wurden. Dafür schlüpften sie in einen so genannten Motion-Capture-­Anzug, der an sämtlichen Gelenken mit Richtungs- und Beschleunigungssensoren verkabelt war. Auf ein virtuelles Skelett wurden die auf diese Weise gewonnen Bewegungsdaten übertragen und danach daraus überlebensgroße, sich ständig verändernde, schwarzweiße Figuren von Perktold animiert und simuliert.

Die – wie von unsichtbaren Fäden gelenkten – Figuren führen ein absurdes Tanztheater­ vor. Männer bewegen sich wie Frauen und umgekehrt, Junge­ wie Alte, manche schieben Dinge über eine unsichtbare­ Bühne, tun Dinge, die ein realer­ Mensch aus rein physiologischen Gründen nie tun könnte. Wie sie sich bewegen, hat nicht zuletzt mit den Besuchern des Pavillons zu tun. Nehmen die virtuellen­ Figuren­ doch Kontakt mit dem Publikum auf, und zwar auf völlig­ unterschiedliche Art und Weise­. Einige flüchten, andere­ folgen den von ihnen zufällig­ ausgewählten Individuen, manche schauen nur, beobachten die Szene.

Das aufwändige Produktionsmanagement des inhaltlich wie technisch außer­gewöhnlichen – sicher Diskussionen provozierenden – Projekts liegt in den Händen von Rens Veltman, der auch den Sound zur Installation beisteuert. Basierend auf der Arie der Olympia aus Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“. Sie wurde von Veltman total dekonstruiert, um sie dann aus maschinellen Obertönen zu einem neuen Sound zu rekonstruieren: zu einer schrägen Symphonie für 14 Ventilatoren.

Die 13. Architekturbiennale­ Venedig wird am 29. August eröffnet und läuft bis 25. November­.


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