Die Koatlackn darf nicht sterben

Viele der alten Häuser von St. Nikolaus gehen nachweislich bis ins 16. Jahrhundert zurück. Doch anstatt sie – wie seit Jahrhunderten – um- bzw. weiterzubauen, lässt man sie verfallen oder sie müssen Neubauten weichen.

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Eines der beliebtesten Postkartenmotive Innsbrucks ist die malerische Häuserzeile an der linksseitigen Innseite. Über sie ist schon seit Langem – wie über andere Stadtteile mit historisch interessanter Bausubstanz – in der Form des Stadt- und Ortsbildschutzgesetzes ein Schutzmantel gebreitet. Darüber, dass die alten Häuser möglichst „in ihrem charakteristischen Gepräge“ erhalten werden, sich Um- bzw. Neubauten harmonisch in die bestehenden Baufluchten einfügen, achtet ein Beirat.

Was schön klingt, sich angesichts dessen, was sich derzeit im Herzen von St. Nikolaus abspielt, aber als relativ zahnloses Instrument erweist. In den vergangenen fünf Jahren wurden hier mehr Häuser abgerissen bzw. sind vom Schleifen bedroht als in den 40 Jahren davor. Häuser, die zum größten Teil in ihrem Kern nachweislich bis ins 16. Jahrhundert zurückgehen.

Der Archäologe und Historiker Michael Guggenberger ist in St. Nikolaus groß geworden und ihm liegt viel daran, dass die „Koatlackn“, in der nun seine Kinder aufwachsen, nicht noch mehr von ihrem ursprünglich fast ländlichen Flair verliert. Die niedrigen Erdgeschoße sind längst verwaist, einen Bäcker gibt es seit Jahren nicht mehr, genausowenig wie einen Greißler oder Kleingewerbler.

Dabei ist St. Nikolaus der älteste Teil von Innsbruck, 1165 unter dem Namen Anbruggen als Marktgemeinde der Grafen von Andechs gegründet, die um 1180 ein Grundstück auf der südlichen Innseite kauften, auf der dann Innsbruck entstehen sollte. Worauf St. Nikolaus zunehmend zur Vorstadt degradiert wurde, bewohnt von ärmeren Leuten. Aber auch Gewerbe, die viel Lärm oder üble Gerüche verursachten, wurden vor die Stadtmauer in die so genannte „Koatlackn“ verlegt. Genauso wie das Leprosenspital, das Siechen- und Strafarbeitshaus. Insgesamt war der Charakter von St. Nikolaus dörflich, die Häuser niedrig, die Gässchen eng.

Reste dieser ehemaligen Strukturen haben sich bis heute erhalten. Der letzte – in der Innstraße stehende – Stadel wird allerdings in Kürze abgerissen und durch ein modernes Haus ersetzt. Glücklicherweise gibt es aber auch andere Beispiele: So wird derzeit gerade ein bereits verfallendes Bauernhaus am Bäckerbichl liebevoll restauriert, hölzerne Bauteile rekonstruiert, alte Wandmalereien freigelegt und konserviert.

Nicht weit davon entfernt steht man vor einem längst entvölkerten Haus, das in seinem Kern auf das 16. Jahrhundert zurückgeht. Es wurde – wie die meisten der St. Nikolauser Häuser – durch Jahrhunderte immer wieder dem Baugeschmack der jeweiligen Zeit entsprechend umgebaut und aufgestockt, den Bedürfnissen der jeweiligen Bewohner angepasst. Meist mit instinktivem Gespür für Maßstäblichkeit, für die Wahl von Materialien, Farben und charakteristische Formelemente, etwa die für St. Nikolaus charakteristischen niedrigen Torbögen.

Was man von den meisten Neubauten nicht behaupten kann. So lieb- und beziehungslos sind sie in die engen Gassen geklotzt, wobei die feig anpässlerischen, schrill gefärbelten Häuser die allerschlimmsten Bausünden darstellen. Geht es doch wie immer allein um Qualität. Um ein sensibles Zusammenspiel von Alt und Neu, ein möglichst raffiniertes Changieren mit Bezügen und Zitaten, wodurch das durch Jahrhunderte gewachsene Ensemble letztlich nur profitieren könnte. Wie einige wenige gute Beispiele auch beweisen. Es geht nicht um ein Einfrieren des Status quo, sondern um eine behutsame Weiterentwicklung anstatt eines Ausreißens morsch gewordener Zähne mitsamt ihrer Wurzeln“, bringt es Guggenberger auf den Punkt. Anspielend auf eine – etwa im Gegensatz zu Hall – nicht vorhandene Innsbrucker Stadtarchäologie.

Sieht man die langsam verfallenden Häuser, die zahlreichen Baulücken oder Baugruben – etwa die riesige oberhalb der St. Nikolauser Kirche –, drängt sich nicht nur bei Michael Guggenberger der Verdacht auf, dass sein „Grätzel“ immer mehr in die Fänge von Bauspekulanten gerät. Dieser Meinung schließt sich auch Magdalena Hörmann an, die als jahrelanges Mitglied des SOG-Beirats weiß, wovon sie spricht. Um dringend für eine Novellierung des Stadt- und Ortsbilderhaltungsgesetzes zu plädieren. „Die erste dringende Maßnahme, um den SOG-Beirat nicht endgültig als einen hilflosen Verein vor der Übermacht der Investoren, Bauträger und des modernen Bauens (was immer das ist) dastehen zu lassen, ist die Novellierung des Gesetzes in Hinblick auf den Abbruchparagraphen“, fordert Hörmann.

Hat der Beirat doch keine Möglichkeit, zu Abbruchverfahren Stellung zu nehmen, wird erst herangezogen, wenn es um Neubauten geht. Was zwangsläufig zu Kompromissen führe, so Hörmann. Außerdem fordert sie, dass der in der Tiroler Bauordnung vorgesehene Paragraph des landeskundlichen Interesses bei Gebäuden, die nicht unter Denkmalschutz stehen, vermehrt heranzuziehen ist.

Hoffentlich, bevor es wirklich zu spät ist, Innsbruck um ein einzigartiges Stück Stadt ärmer ist. Die zahlreichen Kreativen, die sich in den letzten Jahren hier angesiedelt haben, wieder weiterwandern. Und ob die Besucher des Alpenzoos, die zukünftig durch die St.-Nikolaus-Gasse zum Stadtzentrum gelotst werden sollen, gesichtslose „Anlegerwohnungen“ statt schöner alter Gemäuer sehen wollen, ist die Frage.


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