8000 Risse im Reaktorbehälter

Belgien räumt Sicherheitsmängel bei mindestens einem Atomkraftwerk ein. Es besteht der Verdacht, dass auch baugleiche Reaktoren in anderen Ländern betroffen sein können.

Brüssel –Alarm für eine Reihe von Atomkraftwerken: In einem Reaktorbehälter des belgischen AKW Doel nördlich von Antwerpen sind bei einer Überprüfung angeblich 8000 Haarrisse gefunden worden. Der Reaktor 3 wurde daraufhin abgeschaltet. Doch das Problem beschränkt sich möglicherweise nicht auf Doel: Weltweit sind laut Medienberichten 22 Reaktoren im Einsatz, die von derselben niederländischen Firma in den Siebzigerjahren mit baugleichen Behältern ausgestattet wurden. Laut dem Handelsblatt gab es deswegen eine Sitzung mit Vertretern der Atomaufsichtsbehörden aus den sieben betroffenen Ländern, darunter auch Deutschland.

„In Wirklichkeit können alle Reaktoren dieser Generation weltweit Anomalien aufweisen“, erklärte Eric de Walle vom Studienzentrum für Kernenergie in Mol (Belgien). Stephanie Nabinger, Grünen-Politikerin im nur etwas mehr als 200 Kilometer entfernten deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz, sagte: „Die 8000 Risse (...) sind so alarmierend, dass sich das sofortige Betriebs­- ende aller möglicherweise betroffenen Anlagen aufdrängt.“

Hinweise auf mögliche Probleme im AKW Doel ergaben sich bei einer Kontrolle am südfranzösischen Atommeiler Tricastin. Dort wurden gefährliche Risse gefunden. Daraufhin untersuchten die Belgier den Reaktor 3 im AKW Doel und wurden ebenfalls fündig.

Die Risse in Doel verlaufen zwar anders als in Tricastin, doch werde es „schwer zu beweisen“ sein, dass der Reaktor 3 vollständig sicher sei und wieder ans Netz gehen könne, sagte der Chef der belgischen Atomaufsicht, Willy de Roovere, der Zeitung De Morgen. Er äußerte zugleich die Vermutung, dass auch im zweiten belgischen AKW Tihange bei Lüttich ähnliche Anomalien entdeckt würden. Vizepremier und Wirtschaftsminister Johan Vande Lanotte warf ihm daraufhin „Panikmache“ vor. In Tihange wurde indessen der Reaktor 2 zur Überprüfung stillgelegt. Dort entweicht angeblich schon seit Längerem radioaktives Wasser, das aufgefangen werden muss.

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Laut den belgischen Behörden sei es nahezu unmöglich, die stählernen Reaktorbehälter zu reparieren. Wie es zu den Rissen kommen konnte, bleibt vorerst unklar. Als Ursache in Betracht kommen ein Produktionsfehler, das verwendete Material und die in den Siebzigerjahren verwendeten Produktionsverfahren. Die Herstellerfirma „Rotterdamsche Droogdok Maatschapij“ existiert heute nicht mehr.

Die offenbar nur mit Hilfe neuer Ultraschalltechnik entdeckten Haarrisse können möglicherweise den ohnehin geplanten Atomausstieg Belgiens beschleunigen. Bisher war vorgesehen, dass die insgesamt sieben noch aktiven Reaktoren in Doel und Tihange zwischen 2015 und 2025 abgeschaltet werden. (floo, APA, AFP)


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