Wuchtiges Drama mit Tiefgang

Das Beste kommt zum Schluss: Dirigent Ingo Metzmacher und Regisseur Alvis Hermanis machten die Zimmermann-Oper „Die Soldaten“ zum Höhepunkt der Salzburger Festspiele.

Von Christoph Lindenbauer (APA)

Salzburg –Die letzte szenische Opern-Neuproduktion der Salzburger Festspiele 2012 ist die wahrscheinlich beste. Die Premiere von Bernd Alois Zimmermanns großem Musiktheater „Die Soldaten“ wurde Montagabend in der Felsenreitschule zu Recht mit langem, rhythmischem Applaus geehrt. Die Standing Ovations galten dem gesamten Team um Dirigent Ingo Metzmacher und den Wiener Philharmonikern, Regisseur und Bühnenbildner Alvis Hermanis sowie dem durchwegs hervorragenden Solisten­ensemble, aus dem Gabriela Benackova als „Gräfin de la Roche“ herausragte.

Die Begeisterung des Salzburger Festspielpublikums für „moderne“ Oper hat viele Väter: Einmal sind da das Libretto und die ebenso grandiose wie gigantomanische Partitur von Bernd Alois Zimmermann (1918–1970). In den Jahren 1958 bis 1960 hat Zimmermann ein Stück von Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792) zu einem wuchtigen Musikdrama bearbeitet. Ein an Sexualität interessiertes und zugleich wohlbehütetes Bürgermädchen scheitert an der Grobheit und Arroganz eines blaublütigen Soldaten und wird am Ende zur Hure.

Dann die Partitur: Zimmermann hat seriell komponiert und seinen riesigen Orchesterapparat durch Orgel, Cembalo, Celesta, Gitarre, Jazzband und eine Vielzahl von Percussionisten auf der Bühne ergänzt. Damit schuf der Komponist und Librettist außergewöhnlich variantenreiche Klangfarben und vermischte sie mit extrem sprunghaften Gesangslinien. In ihren stärksten Momenten entstehen in diesen Vokal­linien höchste Leidenschaft und körperlich spürbare Dramatik. Diese außergewöhnlichen Herausforderungen an die Solisten und die Kompliziertheit der Partitur sind und waren ausschlaggebend für die begrenzte Verbreitung der „Soldaten“. Erst 1965 uraufgeführt, wurde die Oper in Österreich zuletzt 1990 mit geringem Erfolg an der Staatsoper gezeigt. Tatsächlich ist sie eine „Festival-Oper“ – wohl ungeeignet für das Repertoire, aber umwerfend als singulärer Programm-Akzent. Wenn sie gut gemacht ist. Und das sind die Salzburger „Soldaten“.

Dirigent Metzmacher hat den rekordverdächtig komplexen Ablauf mit gleichzeitigen Szenen, Kodirigenten auf der Bühne und 170 Musikern sowie den Sängern in kaum organisierbaren räumlichen Entfernungen in jedem Moment souverän im Griff. Und die Wiener Philharmoniker schienen diese Sicherheit am Pult zu spüren und ließen Zimmermann klingen, dass es eine Freude war.

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Bühnenbildner und Regisseur Hermanis hat noch nie große Oper inszeniert und gleich ins Schwarze getroffen. Ähnlich wie in der mäßig gelungenen „Zauberflöte“ wurden erneut die Arkaden der Felsenreitschule nachgebaut und weit nach vorne an den Orchestergraben gezogen. Aber Hermanis nutzt die Raumtiefe dahinter zur Illustration des soldatischen Seelenlebens. Da werden Pferde hin und her geführt, da wälzen sich Männer in Fantasieträumen, da werden Pornofotos aus der Jahrhundertwende an die Glasscheiben projiziert. Davor zieht Hermanis den Schauplatz in die Breite und schafft Atmosphäre mit klug gewählten Requisiten wie Stockbett, Strohballen, Heu und Biedermeier-Schränkchen. In krassen, aber klaren Bildern heizt Hermanis das Drama auf. Die individuellen Charaktere allerdings verlieren sich auf der Riesenbühne.

Die persönlichen Dramen­ vermitteln sich also nur durch die Bühnenpräsenz der Hauptdarsteller. Und davon hat niemand mehr als Gabriela­ Benackova als Gräfin de la Roche­. Unglaublich, wie virtuos sich diese Sängerin durch die haarsträubende Partitur turnt und dabei als Frau spürbar bleibt. Musikalisch auf gleichem Niveau agierte Laura Aikin in der Hauptrolle der Marie. US-Tenor Daniel Brenna als Edelmann Desportes bewältigte seine wahnwitzig schwere Partie nicht weniger beeindruckend. Auch Alfred Muff als Wesener und Tomasz Konieczny als Stolzius, Tanja Ariane Baumgartner als Charlotte und Matthias Klink als Junger Graf überzeugten in einer insgesamt exemplarischen Produktion. Große Oper in Salzburg.


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