„Arbeit war Teil der Erziehung“

Historiker Schreiber sieht kein tirolspezifisches Phänomen. Eglo-Chef Obwieser ließ Konto aus-forschen und fordert Ermittlungen.

Innsbruck –Wer sich weigerte, wurde bestraft. So beschreibt der Innsbrucker Historiker Horst Schreiber die Zustände in den so genannten Fürsorgeerziehungsheimen Kleinvolderberg und St. Martin in den 60er-Jahren. „Der Arbeitszwang war ein wesentlicher Teil der Zwangserziehung in den Heimen.“ Dies sei aber längst keine tirolspezifische Angelegenheit.

Wie berichtet, hatten sich zuletzt mehrere ehemalige Heimbewohner gemeldet und erklärt, dass sie als Jugendliche zur Arbeit für Firmen und Betriebe aus der öffentlichen Hand gezwungen worden sind. Das weitgehend ohne Bezahlung. Auch beim Militärkommando Tirol, das wie das Land eine Einsatzgruppe eingesetzt hat, meldete sich gestern eine weitere Betroffene. Die Frau schilderte, dass die umliegenden Garnisonen die Wäsche in das Heim St. Martin gebracht hätten, wo die damals Jugendliche arbeiten musste. Eine weitere damalige Heiminsassin berichtete der TT, dass sie auch in einer Schwazer Fleischerei und einer Getränkefirma arbeiten musste und auf Bauernhöfen für die Kartoffelernte eingesetzt wurde.

„Die Jugendlichen wurden im Regelfall um ihre Ausbildung betrogen, mit entsprechenden negativen Auswirkungen auf ihr weiteres Leben“, erklärte Schreiber. Länder und Betriebe hätten an einem Strang gezogen. Dabei sei es für Schreiber auch darum gegangen, legal Sozialversicherungsbeiträge zu umgehen. Bei zahlreichen Heimkindern würde es um Versicherungsjahre gehen, die nun fehlen. Besonders demütigend sei für die Heimkinder gewesen, dass der Lohn ans Heim ging und er nur nach Ermessen ausgezahlt wurde.

Der Leuchtenhersteller Eglo in Pill hat inzwischen das offenbar offizielle Heimkonto bei der Sparkasse Schwaz ausfindig gemacht. Auch habe seine Hausbank Belege gefunden, wonach Eglo den Lohn für die Arbeit zweier Mädchen, von denen er auch die Namen kennt, bezahlt habe, sagte Eglo-Chef Ludwig Obwieser zur TT. Im November und Dezember 1980 wurden in drei Tranchen insgesamt knapp 20.000 Schilling (rund 1450 Euro) überwiesen. Obwieser erhöht nun den Druck auf das Land Tirol, dem er eine Vernachlässigung der Kontrollpflicht vorwirft. Er fordert Ermittlungen durch die Justiz, den Verweis auf eine Verjährung lässt er nicht gelten. „Ich will wissen, was mit dem Geld passiert ist.“ (wer, APA, TT)

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