Äthiopiens Premier hinterlässt ein umstrittenes Erbe

Der am Montag überraschend verstorbene Regierungschef war ein verlässlicher Partner der USA im Kampf gegen den Terror, Menschenrechtsgruppen warfen ihm jedoch Unterdrückung von Gegnern und der Meinungsfreiheit vor.

Addis Abeba – Der äthiopische Ministerpräsident Meles Zenawi ist tot. Der 57-Jährige sei am Montagabend gegen Mitternacht in einem Krankenhaus im Ausland verstorben, erklärte ein Regierungssprecher am Dienstag in der Hauptstadt Addis Abeba, ohne weitere Details zu nennen.

Zenawi hatte sich nach Angaben des Staatsfernsehens wegen einer nicht näher definierten Krankheit zur Behandlung in einer europäischen Klinik befunden. Demnach starb der Regierungschef an einer „plötzlichen Infektion“, wie das Internetportal allafrica.com meldete.

Das Schicksal des äthiopischen Regierungschefs war in den vergangenen Monaten von einer Aura des Schweigens umgeben. Die Regierung in Addis Abeba teilte nicht mit, woran er erkrankt war. „Er hatte sich gut erholt, aber plötzlich ist etwas geschehen und er musste in die Intensivstation eingeliefert werden“, sagte Regierungssprecher Bereket Simon. „Sie konnten sein Leben nicht retten.“

Im Juli hatte Zenawis Abwesenheit bei einem Gipfeltreffen der Afrikanischen Union in Addis Abeba für Spekulationen gesorgt, auch bei Parlamentsabstimmungen fehlte er. Diplomaten hatten damals erklärt, Meles Zenawi ringe in einer Brüsseler Klinik mit dem Tod. Die äthiopische Regierung dementierte dies damals und erklärte, der Ministerpräsident sei bei guter Gesundheit.

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Zenawis Amtsgeschäfte übernimmt interimistisch sein Stellvertreter Hailemariam Desalegn, hieß es seitens der Regierung.

Regierungschef mit vielen Facetten

Meles Zenawi war ein afrikanischer Regierungschef mit vielen Facetten: Lange galt der äthiopische Premierminister, der jetzt im Alter von 57 Jahren überraschend einem Krebsleiden erlegen ist, als verlässlicher Partner der USA im Kampf gegen den islamischen Terror.

Das christlich-orthodox geprägte Land am Horn von Afrika wurde unter seiner Führung zu einer Insel der Stabilität in der Region, was wiederum Investoren anlockte und einen Bauboom ermöglichte. Aber Zenawi war gleichzeitig ein höchst umstrittener Regierungschef, dem viele vorwarfen, seit Jahrzehnten an der Macht zu kleben und jegliche Opposition zu unterdrücken.

1955 als Legesse Zenawi in der Provinz Tigray im Norden Äthiopiens geboren, nahm er später den Namen Meles an, zu Ehren eines während des Widerstandskampfes getöteten Mitkämpfers. Er studierte in Addis Abeba und an internationalen Universitäten in Großbritannien und den Niederlanden. Bereits während seiner Universitätsjahre wurde Zenawi politisch aktiv.

Nach dem Sturz von Kaiser Haile Selassie und der Errichtung der kommunistischen Diktatur von Mengistu Haile Mariam – die als „roter Terror“ in die Geschichte des Landes einging – schloss sich Zenawi der neu gegründeten Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) an. Mit Hilfe der Eritreischen Volksbefreiungsfront (EPLF) des damals zu Äthiopien gehörenden Eritrea gelang der Oppositionsbewegung 1991 der Sturz des seit 14 Jahren wütenden Mengistu-Regimes.

Bei den Wahlen 1995 wurde Zenawi zum Regierungschef gewählt – ein Amt, das er 17 Jahre lang innehaben sollte. Die Wahlergebnisse waren dabei häufig umstritten, im Jahr 2005 kam es zu blutigen Tumulten mit über 200 Toten und zahlreichen Festnahmen Oppositioneller. Von 1998 bis 2000 zog das Land unter Zenawis Führung in einen Grenzkrieg gegen das mittlerweile abgespaltene Eritrea, bei dem fast 100.000 Menschen ums Leben kamen.

Wegen Menschenrechtsverletzungen angeprangert

Internationale Organisationen haben Äthiopien immer wieder wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen angeprangert. Erst kürzlich waren der prominente Journalist Eskinder Nega und zahlreiche Oppositionspolitiker zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden, weil sie die umstrittenen nationalen Vorschriften zur Terrorismus-Bekämpfung verletzt haben sollen. Viele Oppositionelle sind ins Exil gegangen.

Doch Äthiopien, das seit Jahrzehnten immer wieder von Dürren und Hungerkatastrophen heimgesucht wird, hat unter Zenawi auch einen nie dagewesenen Aufschwung erlebt. Straßenbau-, Bildungs- und Gesundheitsprojekte wurden zielstrebig vorangetrieben, zeitweise war das Wirtschaftswachstum des Landes das höchste aller nicht ölexportierenden Staaten in Subsahara-Afrika. Gleichzeitig belegt Äthiopien auf dem Entwicklungsindex weiterhin einen der untersten Plätze. Zenawi hatte zuletzt angekündigt, 2015 nicht erneut für das Amt des Premierministers kandidieren zu wollen. (tt.com/dpa/APA/Reuters)


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