Da braut sich was zusammen

Sie jagen den Sturm. Die Tiroler „Stormhunter“ eilen von Wolke zu Wolke, von Gewitter zu Gewitter. Sie suchen die perfekte Superzelle und machen Fotos, in der Hoffnung, einmal im Leben einen Tornado zu erwischen.

Von Matthias Christler

Kufstein –Martin Haselsberger und Benjamin Brandauer stehen auf einer Wiese in Bad Häring, ihre Mienen verzogen, als hätte es seit Tagen gewittert und gedonnert. Schön wär‘s. Die Sonne lacht vom Himmel. Sie strahlt die zwei „Storm­hunter“ an. Sie gibt ihnen zu verstehen, heute sicher nicht. „Das passiert“, zuckt Haselsberger mit den Schultern. Der 22-jährige Fotograf aus Kufstein jagt in seiner Freizeit dem Gewitter hinterher. Eigentlich anders herum. Er muss, bevor das Unwetter entsteht, wissen, wann und wo die Wolke sich in ein brodelndes Ungetüm verwandelt.

Seit zwei Jahren gibt es den Verein Stormhunters mit inzwischen über 100 aktiven Mitgliedern, die in alle Winkel Österreichs ausschwärmen. Die Prognosen kommen aus der Steiermark vom Obmann des Vereins, Hans-Jürgen Pross: „Natürlich kann es sein, dass man umsonst wo hinfährt, dann sucht man sich einen neuen Standort und versucht es wieder“, beschreibt der Steirer das Wesentliche der Jagd auf einen Sturm. Dabei sei die Erfolgsquote ausgezeichnet: „Bei acht von zehn Einsätzen erwischen wir das Gewitter. Die 24-Stunden-Vorhersagen funktionieren gut“, sagt der Gründer des Vereins.

An diesem Tag in Bad Häring warten die zwei Tiroler umsonst. Über dem Bergkamm zieht auf einmal doch noch eine Wolke, leicht schwarz angehaucht. Da könnte was gehen. „Wie sich so eine Wolke zu einem Gewitter und zu einem Unwetter entwickelt, das interessiert uns“, sagt Haselsberger. Die Schattenseiten sozusagen.

Das Hobby hat eine zweite, eine wissenschaftliche Seite. Während der Einsätze werden Luftfeuchtigkeit und Temperatur gemessen und anschließend an den Wetterdienst Ubimet weitergeleitet, welcher sie auswertet. „So lernen wir mehr über Unwetter und wie sie entstehen“, sagt Pross.

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Jeden Stormhunter treibt aber vor allem die Hoffnung an, eine Superzelle zu fotografieren – eine mächtige Wolkenformation, die bis zu 50 Kilometer im Durchmesser erreichen kann. Und wenn alles zusammenpasst, am Boden ist es heiß und feucht, dafür in der Luft kalt, die Sonne strahlt auf die Wolken und die Kaltluft bricht ein und bahnt sich in einem Schlauch den Weg nach unten, dann erfüllt sich für Stormhunter ein Traum. „Einen Tornado konnte ich schon fotografieren“, erzählt Pross stolz. Im Schnitt gebe es in Österreich pro Jahr drei bis fünf Tornados – oder Twister, wie sie in den USA und im gleichnamigen Film genannt werden. Sie entstehen eher auf weitflächigen Gebieten, können bei langlebigen Gewittern auch im Bergland auftreten. Eine Tornadowarnung hat es heuer schon in Tirol gegeben. Gebildet hat sich keiner – oder es hat ihn niemand gesehen.

Alle 10 bis 15 Jahre erlebt Österreich einen schweren Tornado mit einer Geschwindigkeit von über 300 km/h. Im Jahr 1916 verwüstete ein Tornado mit Windgeschwindigkeiten von 330 km/h Wiener Neustadt. Insgesamt starben 32 Menschen. Vor 14 Jahren, im Juli 1998, riss ein Tornado in der Steiermark eine 8 Kilometer lange Schneise durch den Bezirk Hartberg und zerstörte ein Wirtschaftsgebäude.

Ein gefährliches Hobby, bei dem jeder selbst entscheiden muss, wie nah er dem Unwetter kommen will: „So eine grau-schwarze Superzelle, die vor dir auftaucht; mit Blitzen und Hagel und du mit deiner Kamera davor. Das ist Nervenkitzel“, sagt Brandauer, der sich auf sein Gespür verlässt. „Vor so einem Unwetter ist die Luft ganz anders. Man kann den Blitz riechen.“ Diesmal nicht. Die kleine Wolke verzieht sich, die Sonne setzt sich durch. Haselsberger und Brand­auer packen ihre Kameras ins Auto und fahren los. Mit dem Wissen: Das nächste Unwetter braut sich irgendwo schon zusammen.


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