Haarspalterei um das Färben

Dem Tod einer Jugendlichen nach dem Haarefärben folgten Warnhinweise auf Produkten und die Unsicherheit über ein Färbeverbot unter 16 beim Friseur. Jetzt schafft Wien Klarheit.

Von Elke Ruß

Innsbruck, Wien –Haarefärben ist kein harmloses Kinderspiel: 2009 starb in Großbritannien ein junges Mädchen nach einer Coloration an einer allergischen Reaktion. So drastische Folgen gab es hierzulande zum Glück nicht, aus Kärnten wurde aber ein Fall bekannt, wo eine neue Haarfarbe eine 17-Jährige für vier Tage ins Spital brachte.

Die EU reagierte im Herbst 2011 mit einer Richtlinie: An unter 16-Jährige dürften keine Färbemittel mehr verkauft werden. Zudem wurden (bis spätestens Oktober 2012) Warnhinweise für fast alle Haarfärbeprodukte vorgeschrieben, wonach sie nicht für unter 16-Jährige bestimmt seien. Dies wurde teils als generelles Färbeverbot für Jugendliche interpretiert.

Auch bei den Friseuren herrschte Verunsicherung: Die Bundesinnung riet ihren Mitgliedern explizit von Farbbehandlungen bei Jugendlichen ab – selbst dann, wenn die Eltern schriftlich zustimmen würden. „Tut mir leid, wir dürfen nicht mehr.“ So lautete laut dem Zillertaler Friseur Peter F. Pfister, Präsident von Intercoiffure Österreich, die Antwort bei Anfragen. Oft hätten sich Mädchen dann halt selbst Farbe besorgt und z. B. von der Schwester auftragen lassen. Der Handel verkaufe die Produkte nämlich „ohne Hemmungen“ weiter an Kunden jeden Alters, kritisiert Pfister.

Grund genug für die Figaros, im Juli in einem Schreiben an das Gesundheits- und das für EU-Angelegenheiten zuständige Außenministerium Klarheit zu verlangen. Die gibt es jetzt in Form einer „Gesamtstellungnahme an die Bundesinnung“. Als Anwender falle der Friseur unter das Gewerberecht, erklärt Sachbearbeiterin Karin Grohmann vom Gesundheitsministerium auf Anfrage der TT. Er müsse „die Warnhinweise an einem Produkt berücksichtigen. Wenn da steht: Nicht für unter 16-Jährige geeignet, muss er das als Experte noch viel mehr berücksichtigen.“ Es gebe aber kein Verbot. Die Entscheidung, trotzdem zu färben, falle in seine Verantwortung als Unternehmer. „Wenn etwas passiert und der Jugendliche klagt, ist der Friseur zivilrechtlich haftbar.“

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Wie Grohmann betont, gehe es um bestimmte Substanzen, „die besonders stark sensibilisierend sind“. Sie nennt vor allem PDD (Paraphenyl­endiamin). Die Warnhinweise beträfen nahezu alle nicht auswaschbaren Farben.

Einmal mehr klargestellt wurde zudem, dass Lehrlinge unter 16 mit solchen Produkten arbeiten dürfen, „sofern die Einhaltung der Standardanweisungen für Arbeitssicherheit und Produkthandhabung gewährleistet ist“.

Friseur Pfister leitet aus der Antwort des Ministeriums ab, „dass wir mit unserem Wissen und Können rund ums Färben normal arbeiten können. Wir müssen selbstverständlich die seit Jahrzehnten vorgeschriebenen Allergiestests machen.“ Dies bedeute, dass vor einer Erstfärbung ein Tupfen Farb-Entwickler-Gemisch z. B. in der Armbeuge auf die Haut aufgetragen werde. Erst wenn 24 bis 48 Stunden danach keine Reizungen bzw. allergischen Reaktionen aufgetreten sind, darf das Haar behandelt werden.

„Was wir nicht dürfen – was aber der Friseur ohnehin selten tut, ist, die Haarfarbe weiterzuverkaufen“, meint Pfister. Grohmann zufolge wäre sogar die Abgabe von Farben an Jugendliche möglich – aber mit dem Hinweis, dass die Warnung auf der Packung zu berücksichtigen sei.

Farbbehandlungen machen laut Friseur-Landesinnungsmeister Happ rund 35 Prozent des Umsatzes aus, würden bei Jugendlichen aber selten angewandt. „Von der Menge her wäre das nicht geschäftsschädigend, wenn man das nicht tun darf“, sagt auch Pfister.

Die Praxis zeigt allerdings, dass teils schon Volksschüler mit blondierten oder bunt gefärbten Haaren herumlaufen. Er lehne bei Kindern unter zwölf Jahren sogar Strähnchen ab, betont Pfister dazu. Die meisten Jungen würden aber irgendwann färben, „80 bis 90 Prozent tun das untereinander“. Fast die Hälfte aller Selbstfärber lande dann letztendlich beim Friseur. „Oder die Eltern kommen mit ihren Kindern und bitten uns: Richtet das!“ Insofern wertet der Figaro das Färben beim Profi als eine „Frage der Gerechtigkeit“.

Erst vor wenigen Wochen erließ die EU-Kommission übrigens eine neue Richtlinie, mit der wieder 24 Substanzen in Haarfärbemitteln verboten wurden – in Summe sind es damit mehr als 200.

„Vorsicht, Kontaktallergie!“ – Das heißt es auch bei den auf Urlaubsreisen so beliebten Henna-Tattoos: Hautärzte warnen seit Jahren, dass den Farben meist PDD zugesetzt wird, damit sie auf der Hornhaut besser haften. Noch bis zu zehn Tage danach können allergische Reaktionen auftreten. Nicht selten kehrt die Überempfindlichkeit bei jedem Kontakt mit PDD wieder. Grohmann: „Wir haben etliche Fälle, wo sich Betroffene eine Allergie geholt haben.“


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