Mit neuer und voller Kraft voraus in die Spiele

Die Innsbruckerin Anita Ruetz (36) hat seit ihren ersten Paralympischen Spielen in Peking 2008 einiges verändert und dadurch dazugewonnen.

Von Susann Frank

Innsbruck –Mit mehr Kraft als früher geht Anita Ruetz in die Paralympischen Spiele kommende Woche in London. Das ist nachweisbar. Sogar messbar. „Auf meiner schwachen Seite habe ich drei Zentimeter Oberschenkelumfang in zwei Monaten zugenommen“, erzählt die Innsbruckerin. Mit schwacher Seite meint die 36-Jährige ihre rechte Körperhälfte. Auf dieser ist die Radfahrerin seit der Geburt gelähmt.

Im Kampf um das begehrte Edelmetall ist die angeborene Behinderung laut Ruetz ein Nachteil. „Viele der Konkurrenten hatten einen Unfall und haben davor schon Sport getrieben. Da sind die Bewegungsabläufe im Gehirn gespeichert, mir fehlt das.“ Zudem kommen weitere Nachteile gegenüber der Konkurrenz dazu.

Ruetz geht Vollzeit arbeiten, ist biomedizinische Analytikerin bei der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit in der Veterinärmedizin. Nur durch ihren Chef, der ihr vom 26. August bis 10. September Sonderurlaub einräumte, kann sie in London dabei sein. Die britischen Starterinnen hingegen erhalten bis zu 35.000 Euro sportliche Förderungsgelder, sind Profisportlerinnen. Ruetz erhält weder monatliche Förderungen, noch kann sie immer trainieren. Bei ihr geht das nur außerhalb der Arbeitszeiten. „Dadurch fehlt mir die Regenerationszeit.“ Ein weiterer Minuspunkt ist, dass auch bei ihr die Klassen zusammengelegt wurden, sie muss gegen leichter Behinderte antreten.

Kein Grund für Ruetz, frustriert zu sein. Im Gegenteil. Sie freut sich über ihren dazugewonnenen Oberschenkelumfang, wodurch sie mehr Kraft aufs Pedal übertragen kann. Ein typischer neuer Trainer-Effekt. Denn Ruetz setzt seit dieser Saison auf einen extra Krafttrainer, dazu hat sie auch noch einen neuen Radl-Coach. Und für die Bahnradrennen (1000 m, Verfolgung) holte sie sich Tipps von einem heimischen Profi: „Der hat mir ein paar Tricks gezeigt. Jetzt hoffe ich, dass ich in London meine österreichischen Rekorde auf der Bahn verbessern kann.“ Das zweite Ziel heißt auf der Straße im Mittelfeld mithalten.

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Ein voller Erfolg wären die Spiele für die Versehrtensportlerin, wenn sie etwas von den olympischen Eindrücken, dem Flair und dem Gefühl aufsaugen könnte. Bei ihrer ersten Teilnahme vor vier Jahren im chinesischen Peking war ihr das vor lauter Aufregung nicht gelungen. „Und wenn die Stimmung dann auch noch so gut ist wie bei den Olympischen Spielen, dann werden das die ultimativen Spiele“, meint Ruetz begeistert.

Die sie ganz ohne Ehemann und familiären Beistand genießen will. Ruetz kann bei so einem Großereignis keinen außer den Betreuern um sich haben. Auch gut gemeinte Tipps rauben ihr Kraft, weil sie sie in den falschen Hals bekommt. Das ist für sie kontraproduktiv. Sie will ja mit mehr Kraft in die vier Disziplinen bei den Paralympischen Spielen gehen.


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