Die Angst, die Menschen in Bestien verwandelt

Sam Fell und Chris Butler erzählen in ihrem klugen 3D-Animationsfilm „ParaNorman“ von historischen und aktuellen Hexenprozessen.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Alles im Leben des kleinen Norman Babcock ist auf Horror und Tod ausgerichtet. Wenn das Handy klingelt, was selten passiert, da er nur über einen einzigen Freund verfügt, ist die Titelmelodie von John Carpenters „Halloween“ zu hören. An den Wänden des Kinderzimmers kleben Plakate mit Toten und Untoten, auf dem Sofa sitzt seine Oma, die schon vor Jahren gestorben ist. Auf dem Bildschirm verfolgt er gerade eine Frankenstein-Version. Als sich seine Mutter besorgt nach dem Programminhalt erkundigt, beruhigt er sie mit dem Genrehinweis: Sex und Gewalt. Norman ist auf dem Weg der Besserung, könnte also wieder ein normaler Bub werden, denkt die Mutter. Die Umkehrung von Konventionen ist nicht neu, doch Sam Fell und Chris Butler treiben in ihrem klugen 3D-Animationsfilm „ParaNorman“ das Spiel auf die Spitze, um die herrschenden Verhältnisse zu entlarven. Wenn Angst die Entscheidungen bestimmt, werden Bosheit und Dummheit zu Komplizen und sogar unschuldige Kinder zu Feindbildern.

Blithe Hollow ist eine Kleinstadt in Neuengland, wo die Erinnerung an Pilgerväter und Hexenprozesse mit Statuen und Schulaufführungen liebevoll gepflegt wird. Wenn Norman eine Straße entlangspaziert und mit seinen Toten redet und sogar für eben überfahrene Tiere ein freundliches Wort übrig hat, wenden sich die Bürger angeekelt ab. In der Schule nennen sie ihn nur den Freak. Aber es liegt auch ein Fluch über Blithe­ Hollow, dem die Bewohner auf dem Friedhof eine eigene Abteilung gewidmet haben. Vor 300 Jahren wurde eine Hexe verbrannt und alle an diesem Verfahren Beteiligten wurden Opfer dieses Fluches, der an diesem Tag die Stadt zerstören soll. Richter, Ankläger und rechtschaffene Zeugen von damals steigen als Zombies aus ihren Gräbern, um in der bekannten menschenfressenden Manier der Untoten über Blithe­ Hollow herzufallen, doch zuerst einmal erschrecken sie vor der Verkommenheit der Stadt. Die Fanatiker von einst schauen in ein gespenstisches Spiegelbild, aus dem ihnen ihre Urenkel als selbstgerechte Hüter ewiger Wahrheiten über Menschen entgegenblicken. Die legendäre Hexe, die vor 300 Jahren verbrannt wurde, war ein kleines Mädchen, dessen Verbrechen darin bestand, Märchen zu lieben.

Die Zombie-Filme von George A. Romero waren in den Siebzigern auch ein Kommentar über die Ängste amerikanischer Kleinbürger vor Rock ’n’ Roll, Bürgerrechts- und Jugendbewegung, die als Bedrohung jeder Ordnung gefürchtet wurden. Dafür wurden bei Romero die Häuser der Anständigen von den Zombies mit ihrem Schleim der Verwesung verwüstet. Sam Fell und Chris Butler unterwerfen sich in „ParaNorman“ zwar dem Reflexionsdruck des animierten Gruselgenres, das mit Tim Burtons „Corpse Bride“ und Henry Selicks „Coraline” bereits Meisterwerke hervorgebracht hat, doch die Verweise gehen über harmlose Familienunterhaltung hinaus. Der Film erzählt von Menschen, die sich zu einem Lynch-Mob formieren und in einer fanatisierten, anonymen Masse zu allem fähig sind.

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