Kurz vor dem Parteitag: Streit über Abtreibung bringt Romney in Not

US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney hat derzeit mit viel Gegenwind zu kämpfen. Ein radikaler Abgeordneter sorgt mit Äußerungen zur Abtreibung für Wirbel - ausgerechnet wenige Tage vor dem Wahlparteitag der Republikaner.

Washington - Der frühere Finanzinvestor Mitt Romney gilt als Freund rigoroser Datenanalysen, seine Entscheidungen orientiert er eher an statistischen Zusammenhängen als am Bauchgefühl. Der Logik nach müsste Romney angesichts der mageren US-Wirtschaftszahlen eigentlich mit komfortablem Vorsprung einem Wahlsieg im November entgegensegeln - doch in den Umfragen führt Präsident Barack Obama. Kurz vor dem Parteitag der Republikaner, bei dem Romney offiziell zum Kandidaten gemacht werden soll, brockte ihm ein Parteifreund nun auch noch eine Debatte um das Reizthema Abtreibung ein.

Die republikanische Krönungsmesse in Tampa im sonnigen Bundesstaat Florida beginnt am Montag, vier Tage lang dürfen bei der Politikshow jeden Abend Parteigrößen zur besten Sendezeit Romney und seinen designierten Vizekandidaten Paul Ryan als Alternative zur Obama-Regierung preisen. US-Meteorologen warnten allerdings, dass sich in der Karibik ein Hurrikan zusammenbraue, der im schlimmsten Falle in der kommenden Woche über Tampa ziehen und zu einer Evakuierung des Kongresszentrums führen könnte.

Diskussion um Steuererklärungen

Auch politisch hat Romney mit Gegenwind zu kämpfen. Nicht nur, dass der Multimillionär die Diskussion um seine Steuererklärungen nicht los wird. Mit negativen Fernsehspots und koordinierten Wortmeldungen halten Obamas Demokraten das Thema auf der Agenda. Weil Romney eine Offenlegung über die Bescheide von 2010 und 2011 hinaus ablehnt, bleibt ein Fragezeichen hinter seiner Aussage, im vergangenen Jahrzehnt immer mindestens 13 Prozent Steuern gezahlt zu haben.

Dazu stürzte sich Obama auf die Steuerpläne von Ryan, dem Architekten der republikanischen Fiskalpolitik im Kongress. Der Präsident sagte bei einer Wahlkampfveranstaltung in New Hampshire, dass Romney einen Satz von „weniger als einem Prozent“ zahlen würde, sollte ein Vorschlag seines Vize zur Abschaffung der Steuer auf Kapitaleinkommen umgesetzt werden. Die Attacken zeigen offenbar Wirkung: In einer aktuellen Umfrage des TV-Senders NBC und des „Wall Street Journal“ geben 36 Prozent an, dass sich ihr Bild von Romney wegen der Steuerdiskussion zum Negativen gewandelt habe.

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Kontroverse um Abtreibungen

Besonders misslich ist für den Obama-Herausforderer aber die neu entfachte Kontroverse um Abtreibungen. Romney versucht, spalterische Gesellschaftsthemen im Wahlkampf zu umschiffen, um sich auf die schwache Wirtschaft und die hohen Schulden der USA zu konzentrieren. Zwar lehnt Romney wie die meisten Republikaner Schwangerschaftsabbrüche ab, allerdings meidet die Partei bei dieser Frage eine zu harte Linie, um Frauen und unentschlossene Wähler der Mitte nicht zu verschrecken.

Dann äußerte sich Todd Akin. Akin ist Abgeordneter im Repräsentantenhaus aus Missouri, Kandidat der Republikaner für einen Senatssitz des Bundesstaates - und erbitterter Gegner von Abtreibungen. In einem Interview behauptete er, dass Schwangerschaften nach „echten Vergewaltigungen“ eher selten seien. Schließlich habe der weibliche Körper „Möglichkeiten, mit denen er versucht, das Ganze zu verhindern“. Nicht nur Obamas Demokraten reagierten empört.

Romney verlangte von seinem Parteifreund am Dienstag den Verzicht auf die Senatsbewerbung, doch Akin dachte gar nicht daran. In einer Radiosendung warf er seinem designierten Präsidentschaftskandidaten sogar vor, das Thema unnötig aufzublasen.

Unruhe unter den Republikanern

Der Fall Akin schafft Unruhe unter den Republikanern. Selbst bei sehr konservativen Parteigängern gibt es wenig Rückendeckung. In einem Interview mit Fox News riet dem Senatskandidaten am Mittwoch auch Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin zum Abtritt. „Ich verstehe, dass er für seine Prinzipien eintritt, aber er muss wissen, wann man bleibt und wann man geht.“

Selbst der stramm konservative Blog „redstate.com“ bezeichnet die Äußerung als „dummen und ignoranten Fehler“. Die Wahl kosten könnte ihm aber letztlich die finanziellen Folgen seines Auftrittes: Der Fluss an Spendengeldern für seine Kampagne beginne zu versiegen, berichtete das Magazin „Politico“.

Bleibt er im Rennen, droht der bereits gewonnen geglaubte Senatssitz in Missouri zu fallen - ein Rückschlag in den Hoffnungen der Republikaner, den Demokraten ihre Mehrheit im 100-köpfigen Senat abzujagen. Bei der Wahl im Herbst wird ein Drittel der Senatssitze neu gewählt, Missouri ist einer von sieben Schlüsselstaaten, bei denen der Ausgang als völlig offen galt.

Nun dürften vor allem Frauen und gemäßigte Wähler sich von den Republikanern abwenden. „Er hat das Schlimmste getan, was man in der Politik tun kann: Er hat seinen Gegnern Munition gegeben“, kommentierte eine Moderatorin des konservativen Senders Fox News.

„Akin-Zusatz“ in Parteiprogramm?

Auch bereitet Romney eine Initiative Schwierigkeiten, die bei seiner Nominierung am Parteitag Ende August ein totales Abtreibungsverbot in das Parteiprogramm aufnehmen will. Die Demokraten verhöhnen den Artikel bereits als Akin-Zusatz und drohen, die radikale Position der Republikaner zu einem Wahlkampfthema zu machen. Die Republikaner würden einen „Krieg gegen Frauen“ führen, heißt es von demokratischen Kommentatoren.

Obama in Umfragen vorn

In landesweiten Umfragen lag Obama laut der Webseite realclearpolitics.com zuletzt im Schnitt mit 2,7 Prozentpunkten vor Romney. Der Vorsprung ist dünn, gemessen an der schwierigen Wirtschaftslage müsste der Herausforderer aber deutlich besser dastehen. Seit 42 Monaten verharrt die Arbeitslosenquote unter Obama nun schon über acht Prozent. Keinem US-Präsidenten ist seit 70 Jahren die Wiederwahl bei einer Quote von über 7,4 Prozent gelungen.


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