Der Kampf gegen das Klischee

Thai-Boxen umgibt eine unseriöse Aura. Bei näherer Betrachtung einer TT-Redakteurin stellt sich jedoch heraus, dass diese Form der Selbstverteidigung Aggressionen abbaut, Fitness fördert und sich auch für Senioren eignet.

Von Judith Sam

Innsbruck –„Schwitzende Männer, die in verrauchten Kaschemmen versuchen, ihrem Gegner das Knie an die Schläfe zu donnern“: So hätte ich gestern auf die Frage geantwortet, was ich unter Thai-Boxen verstehe. Heute – als ich meine erste Thai-Box-Stunde absolviere – ziehe ich ein anderes Fazit: Man sollte der schillernden Welt der Klischees wie so oft nicht viel Glauben schenken: Denn Thai-Boxen ist waffenlose Selbstverteidigung durch kunstvolle Bewegungsabläufe.

„Viele meinen, Thai-Boxen sei brutaler als Judo oder Karate. Das Klischee beruht darauf, dass beim Thai mehr Techniken erlaubt sind“, erklärt Son Soisangwan. Der Thailänder gibt Box-Kurse in Innsbruck und wird bald eine Thai-Box-Schule in Neu-Rum betreiben. So dürfe man dabei etwa gegen Kopf und Rippen des Gegners treten. „Die schwierigen Bewegungseinheiten beherrschen allerdings nur Profis. Für normal Trainierende ist Thai ungefährlich,“ weiß er.

Er lehrt, wie man sich durch eine rasante Abfolge von Tritten und Schlägen zur Wehr setzen kann. Genauso wichtig sei es ihm aber zu vermitteln, dass man seinen Gegner mit Respekt behandeln soll und Thai nur zur Verteidigung, keinesfalls zum Angriff anzuwenden ist. Bei dieser Einstellung überrascht es nicht, dass der frühere Südthailand-Box-Champion seine Kurse auch für Senioren und Kinder anbietet. Hier wären die Methoden abgemildert: „Fitness steht im Vordergrund – man erlernt nur die ersten Schritte der Selbstverteidigung.“

Der 34-Jährige gibt jedoch auch Kurse, in denen er unzensiertes Thai-Boxen unterrichtet. In so einem Kurs befinde ich mich. Ein paar Dutzend stattliche Männer und athletische Frauen ziehen sich Schützer über die Schienbeine und Boxhandschuhe über die Fäuste. Ich werde nur mit wuchtigen Handschuhen ausgestattet. In mir keimt die Angst vor Blessuren auf. Son, der der Liebe wegen nach Innsbruck gezogen ist, interpretiert meinen unsteten Blick richtig. „Mit Anfängern übe ich nur die ersten Schritte. Dafür sind keine Schützer notwendig“, besänftigt er mich.

Ganz beruhigt bin ich nicht, aber ich traue Son. Schließlich trainiert er seit seinem siebten Lebensjahr Thai-Boxen. Weil sein Deutsch noch etwas brüchig ist, erklärt seine Frau Stefanie Preininger: „Die Bedingungen beim Training in Thailand sind hart. Um Knochen und Muskeln zu stärken, schlagen Trainer mit Stöcken auf Schienbeine und Bäuche der Kinder ein.“ Auch wenn Son so unterrichtet wurde, sind seine Lehrmethoden natürlich entschärft – europäisiert sozusagen: Nach kurzem Aufwärmen zeigt er mir, wie ich in einer vorgefertigten Choreographie präzise Boxbewegungen und Tritte gegen seine Schutz-Pads ausüben soll. Der Schweißfaktor ist hoch, ich kann wunderbar versteckte Aggressionen ausleben und trainiere intensiv.

20 anstrengende Minuten später hechle ich an den Rand der Trainingsmatte und beobachte Son, wie er mit den Geübteren trainiert. Fußknöchel und Fäuste fliegen wild, aber präzise durch die Luft.

Ein Glück, dass ich den Greenhorn-Status innehabe, denn sind die Profis kurz unkonzentriert, kann ein blauer Fleck die Folge sein. Davor bin ich gefeit, aber nach dem Training rechne ich morgen nicht mit einem Muskelkätzchen, sondern mit einem ausgewachsenen Muskelkater.


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