Die Lust an der Qual

Ablenkung von der Midlife-Crisis, ein ernsthaftes Radrennen oder einfach nur ein schöner Tag in den Bergen: Der Ötztaler Radmarathon ist vielfältig wie jene 19.000 Sportler, die einen der 4000 Plätze wollten.

Von Manuel Fasser

Sölden –Eigentlich, sagt Ernst Lorenzi stets, wollte er konsequent bleiben und für die Chancengleichheit kämpfen. Er unterteilt nicht in Tiroler und Nicht-Tiroler, in Deutsche und Italiener. Für Lorenzi, Organisator des Ötztaler Radmarathons, zählen die Sportler, die Seelen von Athleten, die sich zwischen den Bergen des Ötz- und Stubaitals einen Traum erfüllen wollen. Jenen der Bezwingung des Ötztaler Radmarathons, einem 238 Kilometer langen Ungetüm mit mehr als 5000 Höhenmetern.

Nur habe er heuer dennoch mit einigen Grundsätzen brechen müssen: Ja, sagt er, Österreicher und insbesondere Tiroler seien bei der Auslosung eine Spur weit bevorzugt worden. „Der Druck war einfach zu groß. Wenn der Landeshauptmann-Stellvertreter, der Landeshauptmann und dann auch noch der Pfarrer anrufen, kannst du einfach nicht mehr anders“, sagt der Sölder, der heuer einen erneut explodierenden Ansturm an Radsportlern handhaben musste: „Wollten im vergangenen Jahr bereits 15.000 Leute mitfahren, so waren es heuer 19.000.“

Das rege Interesse verbindet Lorenzi mit mehreren Entwicklungen. Eine maßgebliche sei der anhaltende Boom der Rennradindustrie: „Die Leute fahren einfach gerne Rad. Ausdauersport boomt und das bereits seit Jahren.“ Eine andere Ursache für den Ansturm auf Sölden sei die mediale Inszenierung des „Ötztalers“, die Spitzenfotografen wie Jürgen Skarwan und Bernhard Spöttel ebenso wie aufwändige Filmproduktionen und Kooperationen mit Radsport-Medien umfasst. Letztere nennt Lorenzi gerne, wenn sich Einheimische beschweren, sie würden keinen Startplatz zugelost bekommen: Es seien die Deutschen, im Speziellen das Magazin Tour, gewesen, welche das Feuer für die Schleife entfachten, die zu Beginn nur ein paar Dutzend Radsportler begeistern konnte. Als die Deutschen dann in Massen kamen, hätten auch die Einheimischen plötzlich das Rennrad für sich entdeckt.

Als heuer während des Giro d‘Italia die Eurosport-Kommentatoren Karsten Migels, Gerhard Leinauer und Andreas Schulz immer wieder vom Ötztaler sprachen, sagt Lorenzi, sei die Nachfrage nochmals gestiegen. So sei es schließlich zu der Zahl von 19.000 Bewerbern gekommen, von denen knapp 15.000 enttäuscht werden mussten.

All jene, die einen Startplatz ergattern konnten und ihn gefahren sind, werden den Ötztaler Radmarathon in ambivalenter Erinnerung behalten: Auf der einen Seite ist es irgendwie irre, sich über vier Pässe zu quälen – wohlwissend, dass mehr Training selten die Leiden verringert, denn eine bessere Kondition führt in der Regel lediglich zu schnellen Zeiten. Andererseits werden Überwindung und Leiden mit dem Gefühl der Selbstbestätigung und Zufriedenheit belohnt.

Wenngleich eine gesunde Persönlichkeitsbildung auch ohne Ötztaler Radmarathon, einen Ironman oder Städtemarathon auskommt – gut tut es dennoch, seine Grenzen einmal ausgelotet zu haben. Also zu wissen, was man zu leisten im Stande ist.

Schenkt man den Wetterprognosen Glauben, könnte den Teilnehmern heuer eine Sonderprüfung ins Haus stehen: Die Temperaturen sollen fallen, Regen ist angesagt, was auf Pässen wie dem Timmelsjoch durchaus Schnee bedeuten kann. Lorenzi selbst übt sich – konfrontiert mit schlechten Wetterprognosen – stets in Optimismus. Die Geschichte gibt ihm Recht: Meist stand der „Ötztaler“ unter einem guten Stern.


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