Ein Plädoyer für die Vielfalt

Der Innsbrucker Stadtteil Anpruggen befindet sich auf dem urbanen Vormarsch.

Von René Nuderscher

Innsbruck –In den Kulturwissenschaften gibt es einen eigenen Forschungszweig, der sich mit einzelnen Stadtteilen beschäftigt und das dazugehörige begriffliche Werkzeug erarbeitet. Einer der wichtigsten Begriffe in diesem Zusammenhang ist die Urbanisierung. Als Prozess betrachtet, ist Urbanisierung ein Bündel aus unterschiedlichen Fragestellungen, wovon kulturelle und somit künstlerische Wertzuwächse einen der vielen Gradmesser erzeugen. Auf Innsbruck angewendet, fällt in den letzten Jahren besonders der Stadtteil Anpruggen mit seinem tiefgreifenden objektiven wie auch symbolischen Wandel auf. Einrichtungen, die sich Kunst und Kreativität (vor allem auch als Off-Szene) in den verschiedensten Ausprägungen auf ihre Fahnen geschrieben haben, finden dort ihren Standort. Sei es das Kooio, das sich als Galerie und Ort der Vernetzung von Kunstschaffenden – unabhängig vom Verwertungsgedanken der Kulturindustrie – versteht, oder auch das Taminda – eine Kombination aus Café und Modegeschäft – mit löblichen Anliegen wie Fairtrade und Geist-Körper-Balance. Das ehemalige Seifenfabrikareal in der Innstraße wurde umfunktioniert in den Soap-Room, eine Galerie, Ausstellungsraum, sowie Zufluchtsort der „Modellbauer“ und der Designergruppe „Pudelskern“.

Dass die farbige Häuserzeile von Mariahilf zu einer Art Wahrzeichen für Innsbruck geworden ist, scheint unbestritten. Als Foto gehört es für Touristen, die den Auslöser auf der Innbrücke tätigen, zum Pflichtmotiv. Doch verirrt sich selten einer der Reisenden in diesen Stadtteil, genügt es doch, daheim die in Bildform konservierte Zeit fein säuberlich in einem Album zu archivieren, um zu glauben, man sei da gewesen. Oder doch nicht?

Florian Tschörner vom neu gegründeten Early Bird – ein Veranstaltungslokal in der Innstraße – will neuerdings durchaus eine Veränderung in Sachen Frequentierung bemerkt haben: „In der letzten Zeit konnte man hier vermehrt Individualtouristen sehen.“ Ein wenig Stolz blitzt dabei in seinen Augen auf.

Tschörner, ein rastloser Kulturschaffender, gründete vor gut eineinhalb Jahren das Forum Verbale in der Innstraße. Aus der Taufe gehoben, um Kunstschaffenden eine Plattform im Sinne eines Ausstellungsraums, Treffpunkts und Konzertlocation zur Verfügung zu stellen, musste er nun schließen. „Das Verbale war auf Spenden und Subventionen angewiesen und rechnete sich einfach nicht mehr. Man muss sich den marktwirtschaftlichen Anforderungen mit dem Attribut der Gewinnmaximierung unterwerfen. Ich habe ein Kind zu Grabe getragen“, bemerkt Tschörner mit traurigem Unterton. Aus der Verbale ging das Early Bird – gleich nebenan – hervor, mit eigenem Barbetrieb, der für den notwendigen Erhalt sorgen soll. „Es gibt hier jeden Tag Livemusik, von Jazz bis Elektronik.“ Dass es Eigenkompositionen sind, darauf legt Tschörner Wert. „Es soll aber gleichzeitig eine Plattform für junge Formationen sein, die erste Bühnenerfahrung sammeln wollen. Es geht darum, sich zu Hause zu fühlen und weniger als Konsument.“ Für die Innstraße sieht er durchaus Potenzial, zur Ausgehmeile zu werden, wenn ein Branchenmix fokussiert werde. „Ich wünsche mir hier ein weltoffenes Publikum.“

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