Große Erwartungen am Lido

Neue Führung, neue Wege und alte Männer: Am Mittwoch beginnen die internationalen Filmfestspiele von Venedig. Der neue Direktor hat sich einiges vorgenommen.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Das Filmfestival von Venedig, das sich damit rühmt, das älteste der Welt zu sein, habe sich – gerade im Vergleich mit den direkten Konkurrenten in Cannes und Berlin – am wenigsten entwickelt, sagt Alberto Barbera. Barbera muss es wissen, schließlich kennt der 62-Jährige die internationale Filmfestivalszene seit Jahrzehnten. Von 1998 an war er drei Jahre lang der Chef am Lido, dann wurde er durch den Schweizer Marco Müller ersetzt und jetzt beerbt er seinen Nachfolger. Mit einer erneuten Berufung habe er zwar nicht gerechnet, aber – darauf hat er in zahlreichen Interviews in den letzten Tagen hingewiesen – die Herausforderung habe ihn gereizt. „Dem Festival stehen grundlegende Veränderungen bevor“, sagt er. Veränderungen in mehrfacher Hinsicht.

Da wäre zum einen das Festivalgelände mit den in die Jahre gekommenen Kinos. Eine Langzeitbaustelle, deren Fertigstellung durch die Zurücknahme bereits bewilligter Fördergelder in den Berlusconi-Jahren immer wieder verzögert und von renommierten Szenaristen, wie Oscarpreisträger Vittorio Storaro oder Dante Ferretti, für die Festspielzeit lediglich kosmetisch aufgehübscht wurde.

Zum anderen wurden gerade in den letzten Jahren bedeutsame Entwicklungen in der internationalen Filmlandschaft mit dem Hinweis auf die große und zweifelsfrei ruhmreiche Geschichte des Festivals in der Lagunenstadt schlichtweg verschlafen. Gerade in diesem Punkt will der neue alte Festivalleiter ansetzen, indem er einen internationalen Filmmarkt, einen geordneten Branchentreff also, wo mit der „Ware Film“ gehandelt werden kann, ins Leben gerufen hat. Unverbesserlichen Nostalgikern, die noch heute von den goldenen Zeiten des Kinos schwärmen, mag diese Entwicklung nicht gefallen, für ein Filmfestival in der Größenordnung der „Mostra internazionale d’arte cinematografica di Venezia“ – wie das Festival offiziell heißt – scheint es allerdings unumgänglich, dass Filme nicht nur gezeigt, sondern auch gehandelt werden.

Aber selbst vor dem legendären Wettbewerb um den „Goldenen Löwen“ macht Barberas Reformwille nicht halt. Nur noch 18 Filme treten hier gegeneinander an, 2011 waren es noch 23. Zudem sind es nicht mehr etablierte Meisterregisseure, die ihre Werke im Wettbewerb präsentieren, sondern auch Filmemacher, die erstmals bei einer großen Filmschau vertreten sind. Der aus der US-Independent-Szene kommende Harmony Korine etwa, der seinen Film „Spring Break“ präsentiert. Auch Korines Landsmann Ramin Bahrani kommt mit seinem Außenseiterdrama „At Any Price“ erstmals ans Lido. Zudem hat Barbera vier Filme von weiblichen Regisseuren in die Konkurrenz aufgenommen und auch der Eröffnungsfilm „The Reluctant Fundamentalist“ wurde von einer Frau, der Inderin Mira Nair, inszeniert.

Ganz ohne die viel zitierten „alten Männer“ geht es aber auch in Venedig nicht: Auch die neuen Filme der Altmeister Brian DePalma („Passion“), Takeshi Kitano („Outrage Beyond“) und Terrence Malick („To the Wonder“) laufen im Wettbewerb, in dem auch der Österreicher Ulrich Seidl mit „Paradies: Glaube“ vertreten ist. Zudem werden außer Konkurrenz die Filme „O gebo e a Sombre“ des 103-jährigen Portugiesen Manoel de Oliveira und Robert Redfords Öko-Thriller „The Company you keep“ gezeigt.


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