Ablenkung durch Stripperinnen

Nadine Labaki löst in ihrer Komödie „Wer weiß, wohin?“ ethnische Konflikte.

Innsbruck –Vor fünf Jahren überraschte die libanesische Schauspielerin Nadine Labaki mit ihrem Regiedebüt „Caramel“, einer leichten Komödie über das Leben in Beirut. Die Menschen im Libanon gewöhnten sich nach 15 Jahren Bürgerkrieg gerade an den unsicheren Frieden, doch Labakis Frauen verlangten in einem Schönheitssalon nach Selbstbestimmung.

In ihrem zweiten Film „Wer weiß, wohin?“ wird Nadine Labaki politisch konkreter, obwohl sie ihre Geschichte über das Entstehen von Glaubenskonflikten und Kriegen in einem allegorischen Niemandsland ansiedelt. Labaki spielt wieder die Hauptrolle. Die schöne Christin Amale betreibt die Dorfkneipe, die sie vom muslimischen Maler Rabih renovieren lässt, da die Moderne endlich auch dieses Dorf fern jeder Zivilisation erreicht. Eine Regierungsförderung macht den Fernsehempfang möglich, doch die Dorfbewohner haben den Umgang mit dem neuen Medium nicht gelernt, weshalb bereits der erste TV-Abend als Desaster endet.

Die Männer hätten sich mit dem Betrachten spärlich bekleideter Damen begnügt, doch ihre aufgeklärten Frauen hungern nach Information, die allerdings nur aus Kriegsberichten besteht. Darf es, fragen sich die Männer, in ihrem Dorf ein friedliches Zusammenleben zwischen Christen und Moslems geben, wenn die Welt unter ethnischen Konflikten zu explodieren droht? Bereits am Morgen betritt der Imam seine verwüstete Moschee, die Christen tauchen ihre Hände in ein blutiges Weihwasserbecken. Die Frauen zerstören erst einmal den Dorffernseher als Verursacher des Übels. Sie kennen auch ihren Aristophanes, aber Lysistratas Strategie der Verweigerung ehelicher Pflichten können sie nicht folgen, da ihre Männer schon seit Jahren die Idee der Enthaltsamkeit verfolgen. Bleibt nur noch die Abschreckung durch Ablenkung der bis zu den Zähnen bewaffneten Männer. Dazu verpflichten die Frauen ein Ensemble ukrainischer Stripperinnen, die zwar nicht mit der Sprache, aber mit solchen Problemen vertraut sind.

Um die Absurdität ethnischer Konflikte deutlich zu machen, weicht Nadine Labaki vor keinem Gag und keinem Stilmittel zurück, da auch in der Kriegsrealität der Zweck jedes Mittel heiligt. Am Ende verfügen die Ukrainerinnen über ein neues Betreuerteam. (p. a.)

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