Extrem ist ganz normal

Meteorologen machen häufige Südwest-Wetterlagen für die zuletzt ungewöhnlich heftigen Unwetter verantwortlich. Ein Trend zu mehr Wetter-Extremen sei nicht festzustellen.

Von Mario Zenhäusern

Innsbruck –Sturmböen mit Spitzen von 110 Stundenkilometern im Stadtgebiet von Innsbruck, Hagelschloßen so groß wie Tennisbälle, die alles durchschlagen, sintflutartige Regenfälle, Muren, Erdrutsche: Tirol wird heuer öfter von Unwettern heimgesucht als früher. Außerdem sind die Gewitter heftiger, die Folgen um ein Vielfaches dramatischer – zumindest in unserem subjektiven Empfinden.

Die Meteorologen sehen das erfahrungsgemäß differenzierter. Werner Troger, Geschäftsführer von „Meteo Experts“ in Lienz, räumt zwar ein, dass sich Tirol heuer „im Juli und August sehr häufig im Einflussbereich von Südwest-Wetterlagen“ befand. „Da ist dann alles drinnen“, sagt Troger, „da sind extreme Wechsel dann typisch. Und wenn es sehr heiß ist, dann können sich natürlich heftige Gewitter entwickeln.“

Als richtig abnormal empfindet der ausgebildete Meteorologe das allerdings nicht. „Wir Meteorologen sind Jahr für Jahr mit diesem Phänomen konfrontiert“, stöhnt Troger, „der Mensch hat eben nur ein sehr kurzlebiges Gedächtnis. Tatsache ist: Ein eindeutiger Trend hin zu extremerem Wetter ist nicht festzustellen. Das ist auch durch Langzeitstudien belegt.“

Mehr als ein Schmunzeln ist dem Experten denn auch nicht zu entlocken, wenn man ihn auf Windspitzen oder riesige Hagelschloßen anspricht: „Alles schon einmal da gewesen!“

Trogers Ansicht, dass die häufigeren und vor allem heftigeren Wetterextreme lediglich unser subjektives Empfinden widerspiegeln, findet Bestätigung durch eine Langzeitstudie. Reinhard Böhm von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) verwendete dafür Messdaten von 58 Orten im Alpenraum, die z. T. bis ins Jahr 1760 zurückreichen.

Die Ergebnisse der Studie, die Böhm auch im Wissenschaftsmagazin European Physical Journal veröffentlichte, versetzten die Fachwelt in Erstaunen: Die saisonalen und jährlichen Schwankungsbreiten heiß-kalt, trocken-feucht wurden in den vergangenen 250 Jahren im Alpenraum nicht stärker und damit nicht extremer. Der Klimawandel sei zwar unbestritten, resümiert Böhm, die Wetterextreme haben aber nicht zugenommen: „Die Temperaturschwankungen sind in den letzten Jahrzehnten sogar geringer geworden.“

Der Böhm-Studie zufolge zeigen sich in Langzeitverläufen bei Temperatur, Niederschlag und Luftdruck zwei lange Wellen, in denen das Wetter variabler („verrückter“) war. Die Wiederkehrzeit beträgt etwa hundert Jahre. Die Annahme, dass es keine Übergangsjahreszeiten mehr gebe und Frühling und Herbst, aber auch Sommer und Winter, immer mehr durch extreme Kalt-Warm-Schwankungen gezeichnet wären, sei nicht zu belegen, sagt der Experte: „Unsere Studie zeigt eindeutig, dass das nicht so ist. Es ist zwar wärmer geworden, aber die Schwankungen haben eindeu­tig nicht zugenommen.“


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