Kosmos der süßen, grausamen Liebe

Giovanni Andrea Bontempis Oper „Il Paride“, ein Sommerspektakel zum Finale der Festwochen Alter Musik.

Von Ursula Strohal

Innsbruck –Die frühe venezianische Oper ist durch René Jacobs in Innsbruck wunderbar wiederbelebt worden. Nun ist schon die nächste und übernächste Generation am Werk: Einige, die mit ihrer Handschrift auf diesem Erbe aufbauen, sowie Epigonen und Modernisierer. Christina Pluhar, die mit ihrem Ensemble L’Arpeggiata schon öfter bei der Galerie St. Barbara in Hall konzertierte und nun bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik im Tiroler Landestheater auftrat, wählte für ihre erste eigenständige Opern­erarbeitung „Il Paride“, ein Werk venezianischen Stils, das 1662 in Dresden uraufgeführt wurde.

Die nun von Christoph von Bernuth inszenierte und von Oliver Helf ausgestattete Produktion entstand als Koproduktion mit den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci und hatte dort 2011 Premiere.

Giovanni Andrea Bontempi, der „Il Paride“ für eine sächsisch-brandenburgische Hochzeitsfeier komponierte und selbst das Libretto verfasste, war Kastrat an San Marco in Venedig, bevor er nach Deutschland ging. 1657 wurde er Vizekapellmeister der unter Heinrich Schütz’ Leitung stehenden Hofkapelle in Dresden. Bontempi verstand etwas vom Theater. Den venezianischen Einfluss zeigen die dramaturgische Verflechtung von Komik und Tragik, die kaleidoskopartige Anlage und die vom Gott bis zum Trunkenbold reich bevölkerte Bühne. Bernuth hat die über 30 Figuren auf 22 reduziert, das Ballett gestrichen, auch die Musik wurde stark gekürzt.

Was nun am Freitag das Festwochenfinale einläutete, war ein saftiges Sommerspektakel. Bernuths Inszenierung hat Witz und Ernst, Tempo und Frechheit – eine gelungene Grat­wanderung zwischen barocker und heutiger Theatralik. Zitate und Versatzstücke barocker Gesten, Kostüme, Perücken, Tanzsprache und Maschinerie treffen auf heutige Bilder, die Figuren zeigen, wo sie fremden Konventionen nachhorchen und wo sie Leben spüren. Antike Götter, das trojanische Herrscherhaus, Schäfer und Nymphe, Höflinge, eine Zofe, Jäger, Koch, Gärtner, Schmied und Mönch tummeln sich da, streitend, grapschend, saufend, stotternd. Was allen bis heute gemeinsam ist: die Liebe. Bernuth zeigt ihre Spielarten und ihre Grausamkeit.

Oliver Helfs phantasiestrotzende Kostümierung hilft durchs Stück, sein Bühnenbild, ein nach vorne offener Würfel, zeigt das Firmament mit Sternen und Milchstraßen und somit das Universum der Emotion, das da gemeint ist. Irritierend nur, dass er damit das himmlische Bühnenbild von Jacobs/Wernickes legendärer „Calisto“ nicht nur zitiert, sondern samt kleiner Gags nachahmt.

Die Haltung dieser Inszenierung ist eins mit Christina Pluhars musikalischem Zugang. Sie richtete die marginale Partitur mit vielen Streich- und Zupfinstrumenten ein und L’Arpeggiata bleibt L’Arpeggiata, mit seinem Groove und den prasselnden Tänzen, mit der Aufhebung der Grenzen zu Jazz und Volksmusik. Barocke Weltmusik. Aber im ersten Teil bleibt der Puls weitgehend gleich, die Farbe auch. Wenn sich die Arien mehren, agiert das Orchester differenzierter, reicher an Farbe und Zwischentönen.

Die Titelpartie des Paris ist mit dem Counter­tenor David Hansen unterbelichtet besetzt, die übrigen Sänger erfüllen ihre Rollen gut, ohne stimmlich besonders aufzufallen. Luciana Mancini nützt die Chance, die einzig sich entwickelnde Rolle der Nymphe Enone zu gestalten, Raquel Andueza, die Helena, hat einen kleinen, hübschen Sopran. Mariana Flores zeigt als Göttin der Zwietracht Charakter und Dominique Visse ist immer eine Klasse für sich. Mehrere Rollen erfüllen auch Emiliano Gonzalez Toro, Hannah Morrison, Fulvio Bettini und Fernando Guimarães. Katrin Hansmeier hat in der stummen Rolle des Amor alle Hände voll zu tun.


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