Schuldfähig oder geisteskrank?

Erwartet Anders Behring Breivik Gefängnis oder die Psychiatrie? Diese Frage wird heute mit der Urteilsverkündung im Prozess um den 77-fachen Mord in Oslo und auf der Insel Utøya beantwortet.

Oslo –Tränen vergoss der Massenmörder ein einziges Mal in zehn Verhandlungswochen: Als das Osloer Gericht ein selbst gebasteltes Video von Anders Behring Breivik über seinen „Kampf gegen die Islamisierung Norwegens“ abspielen ließ, bebten die Gesichtszüge des 33-Jährigen einen kurzen Weinkrampf lang. Er war von sich selbst gerührt.

Die schmerzhaften Schilderungen derjenigen, die das Massaker im Juli 2011 auf der Fjordinsel Utøya und den Bombenanschlag in Oslo überlebt hatten, hörte sich der Massenmörder wochenlang regungslos an. Nur um in einem konfusen Schlusswort Ende Juni seine Taten damit zu begründen, dass es „einen fundamentalen Bedarf an neuer Führung in Norwegen und Europa“ gebe.

Ernstzunehmende politische Drohungen eines rechtsradikalen Islamhassers oder wirres Gefasel eines Wahnsinnigen? Breivik hat nach seinen wohl tatsächlich allein vorbereiteten Terroranschlägen viel Energie darauf verwandt, nicht als paranoid-schizophrener Krankheitsfall eingestuft zu werden. Er sieht sich als uneingeschränkt verantwortlicher Widerstandskämpfer gegen die islamische Zuwanderung.

Breivik selbst bereitete nach Angaben seines Anwalts Kommentare für die heutige Urteilsverkündung vor. Er wolle ebenso für den Fall seiner Verurteilung zu einer Haftstrafe wie für den Fall seiner Einweisung in die Psychia­trie vorbereitet sein, sagte Verteidiger Geir Lippestad. Es ist aber unklar, ob das Gericht dem 33-jährigen Rechtsextremisten erlauben wird, sich zu äußern. Fest steht laut Anwalt aber, dass Breivik nicht in die Psychiatrie eingewiesen werden, sondern ins Gefängnis will. Deshalb werde er, falls er als nicht schuldfähig eingestuft wird, in Berufung gehen. Sollte das Gericht heute jedoch eine Haftstrafe gegen Breivik verhängen, werde dieser auf eine Berufung verzichten, sagte Lippestadt gestern.

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In dem zehnwöchigen Prozess waren sich auch die Experten nicht einig, ob der Angeklagte zurechnungsfähig ist oder nicht. Ein erstes psychiatrisches Gutachten bescheinigte Breivik eine paranoide Schizophrenie. Doch ein zweites Gutachten kam zu dem Schluss, dass der Attentäter nicht unter einer Psychose leidet.

Für die Angehörigen der Opfer ist es gar nicht so wichtig, ob gegen Breivik die Höchststrafe von 21 Jahren Gefängnis oder die Einweisung in die Psychiatrie verhängt wird. „Was für uns zählt, ist, dass er für immer von der Gesellschaft ferngehalten wird“, fordert Claude Per­reau, dessen 25-jähriger Sohn Rolf Christopher von Breivik erschossen wurde. Perreau ist überzeugt, dass Breivik nicht gestört ist und deshalb auch nicht in die Psychiatrie, sondern ins Gefängnis gehört. „Er ist möglicherweise ein Außenseiter der Gesellschaft, aber er ist nicht verrückt, wenn man bedenkt, wie berechnend er war und wie er jahrelang sein Verbrechen plante“, sagt Perreau. Keiner der Hinterbliebenen will den Angeklagten jedenfalls jemals wieder als freien Mann sehen. „Das ist auch besser für seine eigene Sicherheit“, meint Christin Bjelland, die bei einer Hilfsgruppe für die Angehörigen arbeitet. (dpa, APA, TT)


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