Einladung zu großem Staunen

Arno Ritter und Wolfgang Tschapeller lassen bei der Architekturbiennale Venedig Menschenhüllen durch Räume tanzen, sich auflösen, mit den Besuchern interagieren.

Von Edith Schlocker aus Venedig

Venedig –Wie der öffentlichkeitsscheue britische Stararchitekt David Chipperfield die für ihn ungewohnte Rolle als Showmaster der 13. Architekturbiennale von Venedig meistern wird, haben sich viele im Vorfeld gefragt. „Common Ground“ ist sein wie immer recht schwammiges Generalthema, unter das der 59-Jährige – der u. a. das Kaufhaus Tyrol geplant hat – die alle zwei Jahre stattfindende Weltausstellung der Baukunst gestellt hat, die längst viel mehr sein will als eine Demonstration des Status quo, sondern ein zwischen den Künsten möglichst artifiziell surfendes Kokettieren mit Visionen, mit den sozialen, politischen und philosophischen Dimensionen von Architektur. Letztlich als „Reflexion dessen, was wir leben“, so Chipperfield.

So auch heuer und wohl mit am extremsten ausgereizt im österreichischen Pavillon. Wo auf spannende Weise die Beziehung zwischen dem menschlichen Körper und architektonischen Räumen erforscht wird. Kommissär ist der Innsbrucker aut-Chef Arno Ritter, Kurator der Schau mit dem poetischen Titel „Hands have no tears to flow“ der in Wien lehrende Osttiroler Architekt Wolfgang Tschapeller. Die Umsetzung seiner – ihrer – Ideen lag in den Händen der Tiroler Rens Veltman und Martin Perktold, Künstler, zwei, die sich in den medialen Künsten bestens auskennen.

Dass es ein Projekt mit ungewissem Ausgang werden wird, hat Ritter von Anfang an prophezeit. Wie es ausgegangen ist, wissen wir nun. Als ein Nachdenken über den grundsätzlichen Anfang von Architektur. Indem wir – die Besucher – mit uns selbst konfrontiert werden. In der Form von fragilen Menschenhüllen, die mit jenen Werkzeugen konstruiert sind, mit denen Architekten üblicherweise ihre Gebäude imaginieren. Diese Figuren mit ungewissen Identitäten fallen von der zur Projektionsfläche gewordenen 24 Meter langen und fünfeinhalb Meter hohen Querseite des Hoffmann-Pavillons von der Decke, sie tanzen, lösen sich auf und setzen sich wieder zusammen, überholen, verknäueln sich, gehen im Gleichschritt oder flüchten voreinander.

Einige von ihnen schauen bisweilen kurz ins Publikum, lassen sich von diesem stimulieren, um ihre Bahnen zu ändern, was das Zusammenspiel dieser eigenartig berührenden Truppe nie exakt identisch ausfallen lässt. Und das alles in einem luftleeren, im herkömmlichen Sinn absolut unarchitektonischen Nicht-Raum, in dem die Gesetze der Schwerkraft ausgelöscht zu sein scheinen. Es ist eine Installation, die Staunen lässt, die grundsätzliche Fragen nach der Zukunft der Architektur wie ihrer Bewohner stellt. Und das in wunderbar poetischer Unaufgeregtheit, deren sehr realer Teil der Besucher, sofern er sich umdreht, selbst wird. Wenn er vor dem riesigen Spiegel steht, der gegenüber der virtuellen Installation montiert ist.

Als eigenständiges Denk- und Schaubuch wird der Österreich-Beitrag von der Publikation „Hands have no tears to flow“ (Springer Verlag) begleitet. Wo auf 148 Seiten eine Sammlung von Dokumenten aus Medizin, Wissenschaft, Kunst und Architektur vorgeführt wird, inklusive des Gedichts von Tony Conrad, dem ein Vers als Namengeber der Schau entliehen wurde.

Einer der Partner der Architekturbiennale ist Swarovski, die die offizielle Eröffnungsfeier der Österreicher heute Abend im historischen Konvent Abbazia della Misericordia spektakulär illuminieren werden. Die Architekturbiennale ist für das Publikum ab morgen bis 25. November geöffnet. Was sich in den übrigen 54 Länderpavillons bzw. in der von David Chipperfield kuratierten Schau im Arsenale tut, darüber lesen Sie in der TT vom Donnerstag.


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