Die Narben unter dem Dreck

Verkohlte Indizien, graue Lieder und ein Hirschkadaver: Das verschachtelte Musikstück „Meine Bienen. Eine Schneise“ von Händl Klaus und Franui wurde bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt.

Von Joachim Leitner

Salzburg –Es ist ein Verbrechen passiert. Mindestens eines. Irgendjemand hat Feuer gelegt. Eine verkohlte Schneise, verbrannte Erde also, zieht sich durch den Wald. Vierzehn Bienenstöcke wurden ein Raub der Flammen. Der Verdacht liegt nahe, dass der Brandstifter eine ungleich größere Katastrophe verhindert hat, die Bienen könnten summende Biowaffen gewesen sein, milbenverseuchte Drecksdrohnen. Im unbarmherzigen Räderwerk kriminalistischer Deduktion erweitert sich dadurch der Verdächtigenkreis. Aber das nur am Rande, denn Dreck am Stecken, sprich Ruß an den Fingern, haben alle Protagonisten in Händl Klaus‘ „Meine Bienen. Eine Schneise“, das am Donnerstag im Salzburger Landestheater den Premierenreigen der diesjährigen Festspiele beschloss.

Überhaupt, Dreck, der ist eines der beherrschenden Themen des „Musikstückes“. Die Lehrerin Kathrin (Brigitte Hobmeier) versucht ihren Sohn, in der Premiere dargestellt vom Wiltener Sängerknaben Michael (der sich in den kommenden Aufführungen mit David abwechselt), zum Dreck zu erziehen. Dreck bedeutet Schutz, Gestank verhindert Nähe. Seife würde Narben freilegen. Ein weiterer Waschgang könnte sie aufreißen. Im Dreck, der sich ansammelt, verlieren sich auswertbare Beweise für ein anderes Verbrechen. Ein Verbrechen, das – gemessen am Alter des, wie es an einer Stelle heißt, „von Haus aus verunglückten“ Kindes – Jahre zurück liegen muss. Blutschande, Ödipus, Amstetten, Sie wissen schon. Der Junge jedenfalls reimt sich so manches zusammen. Wie der Inspektor (Stefan Kurt), der den Brandstifter ermitteln will, sucht er nach Spuren möglicher Vaterschaft. Der Inspektor, taumelnd zwischen der Pedanterie des Forensikers und wolllüstigen Ausbrüchen, kommt genauso in Frage wie Wim (André Jung), ein schlecht beleumundeter Imker und Weltuntergangsfantast. Weder das Rätsel um den nächtlichen Zündler noch das um die Vaterschaft lässt sich lösen. Händls Text, ein vielteilig verschachteltes Wortungeheuer, mehr Partitur als Bühnendialog, erlaubt sich keine Eindeutigkeiten, kein finales Aha. Das Interpretieren von Zeichen, von verbrannten Indizien gibt die tieferen Bedeutungen nicht vollends preis. Die Spuren werden durcheinandergebracht, nicht nur verwischt, sondern zerlegt.

Der Text kreist um leitmotivisch wiederholte Gedankensplitter, die sich nicht nachdenken, sondern nur erfühlen lassen. Das Dahinter bleibt Andeutung. Es gibt keine Moral, die vorgekaut wird, keinen tiefenpsychologischen Zaunpfahl, der erklärend gewunken wird. Das Einzige, was angeboten wird, ist eine Ahnung seelischer Abgründe. Händls „Bienen“ sind eine Assoziationsmaschine, berührend und grauenvoll zugleich.

Die von Andreas Schett und Markus Kraler für ihre Musicbanda Franui geschriebene Musik, die sich immer wieder an frühen Liedern Alban Bergs orientiert und zugleich an die frühen Hollywood-Arrangements eines Max Steiners erinnert, schafft die ideale Klangwelt für Händls Wortkaskaden. Mal pointieren sie, dann brechen sie den hermetischen Text auf und schaffen Raum für die Gänsehaut-Arien des Sängerknaben, der für Momente das große Gefühl, das sich die vernarbten Erwachsenen verbieten, auf die Bühne holt. Völlig zurecht wurde die Leistung des 13-Jährigen frenetisch bejubelt.

Regisseur Nicolas Liautard, der zusammen mit Giulio Lichtner auch das Bühnenbild verantwortete, beschwört in seiner schnörkellosen Inszenierung kinematografische Bildwelten (er zitiert Kubricks „Shining“ genauso wie Jean Pierre Melvilles Gangsterballaden, „Vier im roten Kreis“ zum Beispiel) und erlaubt sich Ausflüge ins Absurde. Da wird ein Hirschkadaver aus dem Wald geborgen, dem Jungen eine geladene Waffe „zum Spielen“ gegeben und aus einem billigen Pokal die Insignien von Vaterschaft gemacht. Wie Händls Text entzieht sich auch Liautards Bildsprache einer psychologisierenden Lesart. Vielmehr verlässt er sich ganz auf die Wirkkraft handfester Bilder, die dafür sorgen, dass Händls Verbalgewitter auf dem Boden bleibt. Dafür gab es minutenlangen Applaus vom Publikum.


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