„Ins Tal bringt mi im Sommer nix“

Almwirt Hans Pfurtscheller verbringt seit 28 Jahren die Sommermonate auf der Bacherwandalm im Stubaital. Er erzählt von seinem Alltag, dem Wandel der Zeit und den Schwierigkeiten mit Frauen.

Almwirt Hans Pfurtscheller (M.) nimmt sich immer Zeit für einen „Hoangascht“ mit seinen Gästen. Nach dem Aufstieg über den Steig gibt der Wald den Blick auf die Bacherwandalm frei. Fotos: Daum

Von Denise Daum

Neustift im Stubaital –Wenn sich in den Bergen des hinteren Stubaitals der Morgen­nebel lichtet, beginnt für Almwirt Hans Pfurtscheller der Tag. Einer von rund 180 Tagen, die er jedes Jahr durchgehend auf der Bacherwandalm auf 1620 Metern verbringt. Allein. „Das Alleinsein macht mir nix aus. Und i hab ja meine Viecher“, sagt Pfurtscheller, der Bacherwand-Hans mit dem auffälligen Bart – sein Marken­zeichen –, der ihm den Spitznamen „Dschingis Khan“ verschafft hat.

Pfurtscheller ist einer der Letzten seiner Art, Almwirt mit Leib und Seele, ein bisschen ruppig, ein bisschen melancholisch, ein ganz kleines bisschen zynisch, aber sehr sanftmütig, mit viel Charme und Schmäh. Ein Almwirt, der den Winter nicht mag, der hart wartet, bis der Schnee im Frühjahr schmilzt und den Weg zur Alm freigibt. Für den es die Erfüllung ist, in den Sommermonaten hoch über dem Tal in den Bergen zu leben und sich um Haus, Gäste und Tiere zu kümmern – die Ziegen, Schafe, Hennen und die Fische im Teich.

Die Bacherwandalm, wie sie heute dasteht, ist das „Lebenswerk vom Vater“. In den 60er Jahren erwarb Ander­ Pfurtscheller die Bacherwandalm, dazu gehörend die Obere Bacherwandalm (nicht bewirtschaftet), 120 Hektar Grund sowie eine Eigenjagd. Zunächst, um Vieh zu halten, doch mit der Zeit kamen immer mehr Wanderer. In den 80er Jahren wurde der Großteil der alten Bacherwandalm durch ein Feuer zerstört, die Wiederaufbauarbeiten nahm Pfurtscheller eigenhändig in Angriff.

Schon als Kind verbrachte Hans viel Zeit beim Vater. Immer mehr gab es auf der und rund um die Alm zu tun und es ergab sich, dass der gelernte­ Maler den ganzen Sommer über gemeinsam mit seinem Vater die Alm bewirtete. „Da Vater is scho alt und nimma so gut beinand, jetzt bin i halt allein heroben. Heuer ist es der 28. Sommer.“ Vieles ist so geblieben wie früher, einiges hat sich verändert. So wurde vor sieben Jahren die Alm mit einer kleinen Photovoltaik­anlage ausgestattet, die genug Strom liefert, um den Radio und die Lampe in der Küche zu versorgen. Für Warmwasser wird mit Gas gesorgt. Die Getränke, Lebensmittel sowie die Dinge des täglichen Bedarfs kommen mit der Materialseilbahn auf den Berg.

Im Sommer verlässt der Bacherwand-Hans die Alm nie: „Da bringt mi nix ins Tal.“ Schon allein wegen der Tiere, die er nicht allein lassen kann. Aber er will es auch gar nicht, die Lockungen der Zivilisation können für ihn mit dem Naturidyll nicht mithalten. Und wenn er mal krank wird? „Des wär‘ schlecht, aber was soll denn mir a schon fehlen?“ Die Alm verlässt der 47-Jährige erst, wenn ihn das Wetter dazu zwingt. Letztes Jahr nutzte er den schönen Herbst und stieg erst am 21. Dezember ab. Früher hat er sich im Winter seinen Lebensunterhalt im Gastgewerbe im Tal verdient, als Koch und Kellner. Dem Stubaital hat er dabei nie den Rücken zugekehrt. Die letzten Winter arbeitete er als Liftwart – immer in freudiger Erwartung, bald wieder auf seine Alm zu kommen.

Neben vielen einheimischen Besuchern bewirtet der Bacherwand-Hans hauptsächlich deutsche und holländische Gäste. Aber die „hohe Zeit“ ist langsam vorüber, wie er sagt. Der Zustrom würde jedes Jahr weniger. Viele Wanderer würden nicht mehr einkehren. Und wenn, konsumieren sie nicht mehr in dem Ausmaß, wie es einst üblich war. „Früher sind die Leut‘ länger sitzen geblieben, haben getrunken, was g‘essen, dann mal a Runde Schnaps bestellt – die Runde Schnaps geht ja schon seit gefühlten 100 Jahren­ nicht mehr! Mittler­weile haben viele das Essen selber mit – heutzutage müssen­ die Hotel­gäste die Jause ja auch gar nicht mehr beim Frühstücksbuffet fladern, die bekommen sie hochoffiziell als Lunchpaket in den Rucksack g‘steckt“, kommentiert Pfurtscheller die Entwicklungen der letzten Jahre. „Und ganz so leicht isch die Alm ja a nit zu erreichen, da muas ma schon a bissl kraxln“, räumt er ein.

Da hat er natürlich Recht. Mehrere Wege, die allesamt noch Ander Pfurtscheller selbst angelegt hat, führen zur Bacherwand. Wählt man die Forststraße, die ihren Anfang bei Klaus Äuele in Neustift nimmt, geht es zwar zunächst ca. eine Stunde gemütlich bergauf, die letzten Höhenmeter muss man allerdings über einen anspruchsvollen Steig bewältigen. Ein durchgehender, recht steiler Steig mit Ausgangspunkt bei der Doadleralm in Falbeson führt in ungefähr 90 Minuten zum Ziel. Entlang des Weges befinden sich Wasserfälle und Bäche­, deren klares Gebirgswasser für Erfrischung sorgt.

Für welchen Weg man sich auch entscheidet, die Mühen des Aufstiegs sind vergessen und vergeben, wenn der Wald sich lichtet und den Blick auf die urige Alm auf einem Felsvorsprung freigibt. Ein Anblick, der dem Wanderer das Herz aufgehen lässt. Nicht nur der wunderbare Ausblick auf die Stubaier Gletscherwelt macht den Reiz der Bacherwandalm aus, auch die kulinarischen Schmankerln, die der Wirt auftischt, sind einen Besuch wert.

Und wie hat’s der Bacherwand-Hans mit den Frauen? „Mittlerweile hab‘ ich keine Frauen mehr heroben. Schon lang nicht mehr“, sagt Pfurtscheller und streicht sich über seinen Bart. „Das kann man von einer Frau a nit verlangen, hier zu leben.“ Die Vorstellung von einem Sommer zu zweit in den Bergen mutet romantisch an. „Romantisch? Oh mei! In aller Herrgottsfrüh aufstehn, Vieh füttern, Stall ausmisten, Boden wischen, Küche aufräumen, Essen herrichten, Leit versorgen“, zerstört Hans alle romantisierenden Vorstellungen nüchtern und wird wieder ein bisschen schwermütig. „Iatz trink ma a Schnapsl, dann kemmt’s leichter wieder oi“, springt er schon wieder beschwingt auf und wischt den Wehmut aus seinen Gedanken. Wenn die Runde Schnaps schon bei den Gästen nicht mehr drin ist, der Almwirt hält diese Tradition­ hoch.


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