Ein Focus zum Pferdestehlen

Fords Kompaktwagen profitiert von einem brandneuen Antrieb: Der Dreizylinder-Turbobenziner beherrscht mit gehobener Laufkultur Schritt, Trab und Galopp.

Von Markus Höscheler

Innsbruck –Pferden geht es im Allgemeinen gut: Sie sind mit Kraft gesegnet und an ihren Beinen klebt förmlich das Glück – in Form von vier Hufeisen. Solche Glücksbringer sind dem Focus fremd, aber er beherbergt zumindest einen unter der Frontabdeckung. Dort installieren die Schichtarbeiter von Ford auf Wunsch der Kundschaft ein besonderes Aggregat.

Besonders deswegen, weil es die Auszeichnung „International Engine of the Year 2012“ erhielt. Sein Hubraum fasst keinen ganzen Liter, dennoch ist das Triebwerk so befähigt, dass dem Focus die Gäule durchgehen. 125 PS weist das Datenblatt aus, dazu ein Nenndrehmoment von 170 Newtonmetern ab 1400 Umdrehungen/Minute. Selbst hier hat der Dreizylinder-Benziner Reserven, für kurze Zeit sind im Overboost-Modus sogar 200 Newtonmeter möglich. Das liegt weniger am Glück als vielmehr an der Tüchtigkeit der Ford-Ingenieure, die emsig waren bei der Konstruktion des kraftvollen Mini-Aggregats. Benzindirekteinspritzung, variable Nockenwellensteuerung und ein Turbolader sind nicht nur Garanten für die Leistungsausbeute, sondern versprechen auch maßvollen Umgang mit dem Treibstoff.

Zunächst hegten wir die Befürchtung, dass ein 4,36 Meter langer und 1,3 Tonnen schwerer Kompakter zu hohe Anforderungen an einen Dreizylinder stellt, dass ihm rasch die Puste ausgeht und dass er zum Schnauben neigt. Doch die Nüstern hielten still, das war die Überraschung Nummer eins: Die Laufkultur des Aggregats ist von einer Kultiviertheit, die ihresgleichen sucht. Nur wer genau hinhört, vernimmt ein wenig von der Dreizylinder-typischen Heiserkeit.

Überraschung Nummer zwei ist die beständige Leistungsentfaltung. Recht flott spricht der Motor an, sofern der Fahrer den drehzahlgerechtesten der sechs Gänge eingelegt hat. Und somit kommen wir zur dritten Überraschung: Mit durchschnittlich 6,5 Litern je 100 Kilometer geht der 1.0 EcoBoost zwar auf Distanz zum Normverbrauch von 5,0 Litern – angesichts der abgerufenen Fahrleistungen und der bei tropischen Temperaturen oft eingesetzten Klimaanlage ist der erzielte Wert achtbar.

Zusätzliche Beachtung verdient der Focus für Qualitäten abseits des Antriebs. Sein Fahrwerk ist sehr komfortabel ausgelegt, kann gutmütig viel einstecken, beherrscht das flotte Kurvengeläuf gleichwohl mit Bravour. Die elektrische Lenkung benötigt allerdings Lernwilligkeit des Fahrers, der das direkt ansprechende Volant der Vorgänger-Generation in positiver Erinnerung hat. Diese verblasst jedoch in Anbetracht der Komfort- und Sicherheitstechnik, die Ford dem Focus angedeihen ließ. Der Totwinkelwarner BLIS bewährte sich mit seinem gelben Warnlicht in den Seitenspiegeln ebenso wie der mehrstufig einstellbare Fahrspurassistent. Beide sind sie Bestandteile des Fahrerassistenz-Pakets, das den Focus-Basispreis mit Titanium-Ausstattung (23.800 Euro) um 1373,58 Euro erhöht. Ein weiterer Kosten-, aber auch Qualitätstreiber ist das Easy-Driver-Paket-Plus (637,74 Euro), das mit Nebelscheinwerfern, Parksensoren (Park-Pilot-System vorne und hinten) und elektrisch anklappbaren Außenspiegeln das Manövrieren und Rangieren mit dem Focus zusätzlich erleichtert. Wobei schon die Leder/Stoff-Polsterung um 887,92 Euro den Aufenthalt im fünftürigen Schrägheckmodell den maximal fünf Insassen bequem macht. Möglich, dass für den einen oder anderen die Anzeige des Sony-Navigationssystems (784,91 Euro) etwas zu kompakt ausgefallen ist – seinen Nutzen hat es aber im 28.612,45-Euro-Test-Focus ebenso beweisen können wie ein Pferd mit vier Hufeisen.


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