Hyperaktiv – Zuspruch statt Pillen

Der „Modediagnose ADHS“ folgt zu oft eine Behandlung mit Psychopharmaka, warnt der Psychoanalytiker Bernd Traxl. Hinter der Aufmerksamkeitsstörung stünden aber häufig familiäre Beziehungsprobleme.

Von Elke Ruß

Innsbruck –Sie sind laut und können nicht still sitzen, sie sind unkonzentriert und auch rücksichtslos: Verhaltensweisen wie diese münden häufig in die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Der Psychoanalytiker Bernd Traxl, Mitbegründer der „Psychotherapeutischen Ambulanz Innsbruck“ und Juniorprofessor für Sonderpädagogik am Institut für Erziehungswissenschaften der Gutenberg-Universität in Mainz, spricht von einer „Modediagnose“. Es sei die häufigste Diagnose bei Kindern und Jugendlichen. In Österreich werde ADHS nach gängigen Kriterien „drei bis sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen“ attestiert – „Burschen drei- bis viermal häufiger als Mädchen“.

Bei betroffenen Mädchen wird tendenziell von Aufmerksamkeitsdefizitstörungen (ADS) gesprochen: Sie kapseln sich eher ab, neigen zum Tagträumen und werden erst später etwa mit Ess-Störungen auffällig.

Unruhige, unangepasste Kinder habe es immer gegeben. Jetzt ortet Traxl aber einen gesellschaftlichen Schub, der solche Kinder – besonders Buben – „pathologisiert“. Kinder sollten funktionieren, „wie man es sich vorstellt. Um so viel Stoff wie möglich mit so wenig Lehrpersonen wie möglich zu schaffen, braucht es die richtigen Kinder“, formuliert es Traxl.

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Die Behandlung der Wahl ist oft das Beruhigungsmittel Ritalin. Binnen zehn Jahren habe es in Österreich, Deutschland, der Schweiz und den USA Steigerungen um 40 Prozent gegeben. Allein in Tirol verfünffachten sich die Ritalinverschreibungen von 2003 bis 2009 auf 3000.

Dies ist laut Traxl in mehrfacher Hinsicht bedenklich: „Die Kinder haben teilweise verlernt, Affekte zu kontrollieren, Impulse zu regulieren und die Aufmerksamkeit gemeinsam mit anderen auf etwas zu richten. Ritalin beruhigt – aber es gibt keinen Lerneffekt. Die Kinder identifizieren sich auch mit der Krankheit und sagen: ‚Ich kann das nicht, denn ich habe ADHS‘ oder ‚Ich bin krank im Kopf – und dagegen gibt es eine Tablette‘.“

Die nie geübte Impulskontrolle fällt der „Generation Ritalin“ später auf den Kopf. Bei nicht behandelten Erwachsenen geht es aber nicht mehr ums Raufen, sondern um Körperverletzung. Auch die Suchtgefahr sei erhöht.

Statt Pillen zu verschreiben, sei der Arzt „gut beraten, die Kinder erst zur Erziehungsberatung zu schicken“. Die therapeutische Praxis zeige nämlich, dass hinter ADHS oft eine Störung in der Familie mit teils langen, unaufgelösten Konflikten stecke. ADHS-Kinder hätten oft eine sehr enge Mutterbeziehung mit Ablösungsproblemen, während der Vater abwesend sei. Gerade Buben bräuchten aber eine männliche Bezugsperson, „sonst identifizieren sie sich mit dem Negativ einer Frau, also allem, was eine Frau nicht ist, oder mit Männer-Stereotypen aus dem TV“.

Mitunter lande der Sohn auch als Partnerersatz wieder im Bett der Mutter. Wenn es noch eine Vaterbeziehung gebe, dann sei sie oft durch eine „extrem hohe Erwartungshaltung des Vaters“ geprägt. „Kinder, die in Behandlung kommen, sind teilweise depressiv und haben wenig Selbstwert. Wir behandeln die Kinder und auch Eltern, da kommen die Konflikte raus. Das braucht Zeit, Beziehung und Vertrauen. Es muss sich auch in der Therapie entwickeln, dass man sich gemeinsam mit dem Kind auf etwas Drittes konzentriert.“ Ritalin könne in schweren Fällen begleitend „über eine gewisse Zeit“ sinnvoll sein.

Als Beleg für die Effizienz dieses Weges zieht Traxl eine Wirksamkeitsstudie über eine psychoanalytische Gruppe in Frankfurt heran: Von 17 Kindern, die bereits die psychoanalytische Therapie abgeschlossen haben, erfüllen 13 – aus der Eltern- und der Lehrerperspektive – nicht mehr die amtlichen Diagnose-Kriterien für ADHS.

Vielfach ist die Psychotherapie aber eine Kostenfrage, bei 3000 Kindern mit Bedarf seien nur 100 im Therapiekontingent der Kassa. In der 2009 gegründeten „Psychotherapeutischen Ambulanz“ helfen Experten ehrenamtlich bei der Abklärung. Wie Traxl beklagt, habe das Land aber 2011 seine Unterstützung gekappt. Dabei gehe es um „5000 bis 10.000 Euro“ für Büro- und Spielematerial.


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