Gigantischer Exodus aus Syrien: 3500 Flüchtlinge an einem Tag

Eine neue Flüchtlingswelle rollt von Syrien in die Nachbarstaaten. Insgesamt sind bisher 200.000 Menschen vor dem blutigen Bürgerkrieg geflohen.

Ankara/Genf - Immer mehr Syrier fliehen vor dem Bürgerkrieg in die Nachbarländer. Das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) sprach am Freitag von mehr als 200.000 Menschen, die Schutz in der Türkei, im Libanon, dem Irak und Jordanien gesucht haben. Das entspricht etwa einem Prozent der Bevölkerung in dem arabischen Land. Die türkische Regierung erklärte, allein in den vergangenen 24 Stunden seien mehr als 3500 Syrer eingetroffen. Das seien so viele wie noch nie zuvor an einem Tag seit Beginn des Aufstandes gegen Präsident Bashar al-Assad. In den Vororten von Damaskus gingen die Kämpfe zwischen Armee und Rebellen unvermindert weiter.

In der vergangenen Woche seien 30.000 Syrer ins Ausland geflohen, teilte das UNHCR mit. Der Flüchtlingsstrom wächst damit schneller, als die Vereinten Nationen erwartet hatten: Ihre Schätzungen gingen von 185.000 Menschen bis Jahresende aus. Ein Teil des Zuwachses sei allerdings auch einem neuen Zählverfahren in Jordanien geschuldet.

368 Syrer stellten Asylantrag in Österreich

Österreich hat bisher nur wenige Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen: Im ersten Halbjahr stellten 368 Syrer einen Asylantrag in Österreich. Derzeit schicken die österreichischen Behörden niemand nach Syrien zurück, unabhängig vom Aufenthaltstitel, heißt es aus dem Innenministerium.

In Syrien selbst setzte die Armee nach Angaben der Opposition ihre Offensive in der Umgebung der Hauptstadt Damaskus fort. Am dritten Tag der Gefechte um den sunnitischen Arbeiter-Vorort Daraja seien mindestens 21 Menschen getötet worden. Auch Raketenwerfer seien im Einsatz. „Viele Leichen sind unter den zerstörten Gebäuden begraben und die Zivilisten versuchen, nach Damaskus zu entkommen“, sagte ein Mitglied der Opposition per Telefon der Nachrichtenagentur Reuters. Aus anderen sunnitischen Vororten wurden ebenfalls Kämpfe gemeldet. Die Angaben aus Syrien sind schwer zu überprüfen, da ausländische Journalisten kaum Zugang haben.

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Zivilisten zum Kampf gezwungen

Die syrische Luftwaffe bombardierte nach Angaben von Aktivisten erneut mehrere Stadtteile der Wirtschaftsmetropole Aleppo. Unter den Zielen sei auch das teilweise von Aufständischen kontrollierte Quartier Salaheddin. Auch die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA berichtete von Gefechten in Aleppo. Dabei setzten die Truppen zunehmend auf die Unterstützung bewaffneter Zivilisten. Demnach „kooperieren“ Bewohner Aleppos mit den Truppen des Regimes von Präsident Baschar al-Assad.

Eine Eskalation des Konfliktes, die zum Einsatz von Chemiewaffen führte, wurde indes von Russland ausgeschlossen. „Sie werden nicht dazu greifen“, sagte der russische Vizeaußenminister Gennadi Gatilow in einem am Freitag in Moskau veröffentlichten Interview. Die Behörden in Damaskus hätten dies Moskau garantiert, und Russland werde genau darauf achten. Die USA hatten gewarnt, beim Einsatz solcher Massenvernichtungswaffen eine Militärintervention zu starten.

Bei dem seit etwa eineinhalb Jahren anhaltenden Aufstand gegen Assad sind schätzungsweise 18.000 Menschen ums Leben gekommen. Der Konflikt trägt religiöse Züge, da die Regierung von Alawiten beherrscht wird, die Mehrheit der Bevölkerung jedoch Sunniten sind.

Entsprechend wird befürchtet, die Kämpfe können noch stärker auf den Libanon übergreifen, wo sich die beiden Gruppen ebenfalls feindlich gegenüberstehen. In Tripoli im Norden des Landes starben nach Angaben aus Sicherheitskreisen am Freitag drei Sunniten. Mindestens sieben Geschäfte von Alawiten seien in Flammen aufgegangen. Die Situation sei „alarmierend und gefährlich“, hieß es in den Kreisen. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie diesmal eskalieren wird.“ Am Donnerstag hatte das Militär mit Panzern in Tripoli Stellung bezogen. (APA/Reuters/dpa)


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