Nordkoreas neuer Machthaber flirtet mit Reformen

Nordkorea entwickelt neue Industriezonen mit China. Will Jungdiktator Kim Jong-un das verarmte Land endlich auf den Weg marktwirtschaftlicher Reformen führen?

Von Bernhard Bartsch

Peking –Kürzlich erreichte Park Too-jin wieder eine Nachricht von seinem Neffen in Nordkorea. Er werde sich sicher erinnern, wie er vor einiger Zeit begonnen habe, ein kleines Geschäft aufzuziehen, berichtete er seinem in Japan lebenden Onkel. Leider sei daraus nichts geworden. Allerdings habe er eine neue Idee und diesmal auch bessere Kontakte. Nur eines fehle ihm noch: Startkapital. Ob er seinen großzügigen Onkel noch einmal um 100.000 japanische Yen (1020 Euro) bitten dürfe?

Park verfolgt die Aktivitäten seines Neffen nicht nur mit persönlichem Interesse. „In Nordkorea ist derzeit eine Menge in Bewegung“, sagt der Leiter des Korea International Research Institute, eines privaten Think-Tanks in Tokio. „Alle versuchen an ausländisches Geld zu gelangen und Geschäfte zu machen, vor allem natürlich auf dem Schwarzmarkt.“ Weil das sozialistische Versorgungssystem weitgehend zusammengebrochen sei, bleibe vielen Menschen nichts anderes übrig, als sich mit Tauschhandel zu versorgen oder auf Märkte zu gehen, die mit stiller Genehmigung der Behörden entstanden seien. Den Kampf gegen die Marktkräfte habe das dem Namen nach kommunistische Regime längst aufgegeben. Die Frage sei, ob die Regierung die Fähigkeit habe, einen Reformprozess einzuleiten.

Es gibt neue Signale, dass der verarmte Staat dem Reformdruck nachgeben könnte. Vergangene Woche reiste Jang Song-thaek, Onkel und politischer Mentor von Jungdiktator Kim Jong-un, nach Peking, um eine Reihe von wirtschaftlichen Kooperationsprojekten anzuschieben. Zwei seit Jahren geplante, aber infolge des Konflikts um Nordkoreas Atomprogramm und militärische Provokationen verzögerte Industriezonen sollen nun endlich entwickelt werden. Die eine soll nordchinesischen Unternehmen einen Zugang zum Meer verschaffen. In der anderen sollen chinesische Firmen Nordkoreas billige Arbeitskräfte nutzen können.

China hat bereits begonnen, Straßen und Elektrizitätsleitungen zu legen. Darüber hinaus wurde auch ein Ausbau des chinesischen Tourismus nach Nordkorea vereinbart. Außerdem beschleunigt China den Abbau von Rohstoffen in Nordkorea. Der Warenaustausch mit China wird auf rund 80 Prozent des nordkoreanischen Außenhandels geschätzt.

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Doch wirtschaftliche Kooperation alleine macht noch keine Öffnungspolitik. Obwohl Nordkorea bereits seit Jahren auch eine Sonderwirtschaftszone mit Südkorea betreibt, hat dies kaum zu einer Annäherung geführt. Chinas Premier Wen Jiabao mahnte, Nordkorea solle sich an China orientieren. Es müsse den Marktzugang lockern und seine Gesetzes-, Regulierungs- und Zollvorgaben verbessern.

Nordkoreas Interesse an China ist nicht neu. Der im Dezember verstorbene Diktator Kim Jong-il sei zuletzt mehrfach nach China gereist und habe diverse Wirtschaftsprojekte besichtigt, ohne sich jedoch zu einer Abkehr von seiner Isolationspolitik bewegen zu lassen, erklärt ein europäischer Diplomat in Pjöngjang: „Es herrscht große Angst, die Kontrolle zu verlieren.“ Kims Sohn und Nachfolger Kim Jong-un habe den chinesischen Erfahrungen zuletzt allerdings in ungewohnt deutlicher Weise Respekt gezollt. Anfang August lobte er die Vision, eine Gesellschaft mit einem mittleren Wohlstand aufzubauen. Allerdings müsse man in Nordkorea stets auch damit rechnen, dass Reformsignale benutzt werden, um in Verhandlungen mit dem Westen Zugeständnisse zu bekommen: „Kim Jong-un hat zwar seit seinem Amtsantritt für einige Überraschungen gesorgt, aber belastbare Belege, dass in Pjöngjang ein neuer Wind wehen würde, haben wir bisher nicht.“

Nordkorea-Experte Park in Tokio ist ebenfalls skeptisch. „Ich habe große Zweifel, dass sich Nordkorea reformieren lässt, ohne dass es einen Regimewechsel gibt“, sagt er. Seinen Neffen werde er trotzdem unterstützen. Denn der Macht der Marktes werde sich letztlich auch Nordkorea beugen müssen.


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