„Es gibt keinen großen Wurf“

Tiroler Forscher Manfred Auer zweifelt an Hausfrauen-Renaissance. Der starke Teilzeittrend bei Frauen verfestige jedoch alte Rollenbilder. In höher qualifizierten Berufen fehlen flexible Angebote, Gesetze wirken nur langsam.

Von Nina Werlberger

Innsbruck –Immer mehr Frauen ziehen eine Tätigkeit als Hausfrau einer Berufskarriere vor. Dieser Befund des Linzer Marktforschungsinstituts Spectra sorgte zuletzt für gehörigen Wirbel – und für Skepsis unter Experten. Manfred Auer vom Institut für Organisation und Lernen an der Universität Innsbruck ist einer von ihnen. Er erforscht seit vielen Jahren das Spannungsfeld Erwerbsarbeit und Familienleben. Auer sagt: „Ich sehe keinen Rückschritt.“

Umfragen, wie jene von Spectra, die eine regelrechte Flucht in traditionelle Rollenbilder aufzeigen, sieht er kritisch. „Das sind Momentaufnahmen. Wir beobachten, dass Männer öfter in Elternkarenz gehen als früher. Dazu kommt eine stärkere Erwerbsorientierung von Frauen“, erklärte Auer. Obwohl das Ausmaß der kinderbetreuenden Männer noch nicht sehr groß sei, gebe es doch eine langsame Entwicklung in diese Richtung.

Sehr skeptisch sieht Auer allerdings die Tatsache, dass Frauen immer stärker in Teilzeit und in prekären Dienstverhältnissen arbeiten. Fast jede zweite berufstätige Österreicherin arbeitet bereits Teilzeit, Tendenz steigend. „Zum Teil ist Teilzeitarbeit sicher etwas, das nicht freiwillig gemacht wird“, ist Auer überzeugt. Es mangle neben Kinderbetreuungsplätzen auch an qualitativ hochwertigen Arbeitsplätzen für jene, die vorübergehend Möglichkeiten abseits einer Vollzeitstelle suchen. Das gelte für Universitäten ebenso wie für die Wirtschaft.

Dass Teilzeitjobs gerade im Handel massiv verbreitet sind, liegt für Auer auf der Hand. „Ich denke aber nicht, dass die Unternehmen die Beschäftigten ausbeuten. Gerade in den weniger qualifizierten Bereichen ist auch der Wunsch nach Teilzeit vielfach da“, erklärte Auer. Firmen und Mitarbeiterinnen würden das als Win-win-Situation wahrnehmen.

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Allerdings verweist Auer im selben Atemzug auf die Risiken, die für Frauen mit langfristigen Halbtagsjobs verbunden sind. Sie kämen beruflich schwerer vorwärts, gehobene Positionen zu erreichen, werde zunehmend schwierig. Und auch die Pensionen leiden stark (siehe Artikel unten). „Nicht zuletzt ist es auch sehr riskant für Frauen, sich finanziell auf den Lebenspartner zu verlassen“, verwies Auer auf das Risiko einer Trennung.

Der Forscher ist überzeugt: „Teilzeit verstärkt traditionelle Rollenbilder von Mann und Frau.“ Klassische Zuschreibungen, wie dass kleine Kinder am besten nur bei der Mutter aufgehoben wären, seien auch bei den jungen Tirolerinnen und Tirolern fest verankert – und ließen sich nur sehr schwierig aufbrechen. „Dahinter steckt ein sehr starker Sozialisierungsprozess. Solche strukturellen und kulturellen Barrieren bricht man nicht so schnell auf“, erklärte Auer.

Auch Gesetze und politische Steuerungsmaßnahmen wie Einkommenstransparenz oder andere Frauenfördermaßnahmen würden daher nur sehr langsam Wirkung zeigen. „Es gibt keinen großen Wurf. Was sich verbessert hat, ist der Zugang ins mittlere Management. Hier geht‘s für Frauen mittlerweile etwas leichter“, erklärte Auer.

Stark in den Köpfen verankert sei aber weiterhin, dass die Frau das Zweiteinkommen für die Familie liefere. In der Spectra-Umfrage hatte mehr als die Hälfte der Bürger gemeint, dass Haushalt und Kinder an sich Frauensache sei und Männer sich ums Geldverdienen kümmern sollten. Bei den Frauen glaubten das demnach 51 % – das sind 10 Prozentpunkte mehr als bei einer gleichlautenden Befragung vor sieben Jahren.

Um den Druck in Richtung noch mehr Teilzeitjobs zu mindern, brauche es laut Auer nun neue Möglichkeiten der Arbeit. Er ortet nach wie vor „Vorbehalte in Organisationen“, neue Alternativen zur Vollbeschäftigung anzubieten. Auch mehr hochwertige Kinderbetreuung sei dringend gefordert. Problematisch ist für Auer dabei: „Häufig wird bei Teilzeit mit der vermeintlichen Wahlfreiheit argumentiert, die keine ist.“

Auffällig sei auch, dass gerade junge Frauen die Geschlechter-Problematik kaum wahrnehmen würden – bis sie selbst eine Familie gründen. „Sie sind dann sehr überrascht über die Konflikte, die entstehen.“ Während der Schule, Ausbildung oder Uni würden Mädchen zu der Einschätzung kommen, die traditionellen Zuschreibungen seien passé. Dass dem nicht so ist, schockiere viele.


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