Der Tag der vier Jahreszeiten

3840 Teilnehmer erlebten beim Ötztaler Radmarathon gestern zwischen Sonne und Schneefall alle Unbilden. Der Telfer Stefan Kirchmair (23) zeigte sich davon unbeeindruckt und wiederholte seinen Vorjahressieg.

Von Florian Madl

Sölden –Jan Ullrich hatte nicht nur die Startnummer eins, er trug sie auch mit Würde. Der Deutsche war gestern nämlich beim legendären Ritt über die vier Alpenpässe bis in die Haarspitzen gedopt – zumindest aufgrund seines Sponsors, einem Tonikum für die Kopfhaut (der mit eben diesem Slogan wirbt). Aber er verkaufte sich lieber gut im Rad-Volk, die sportliche Leistung stand im Hintergrund. „Was habt ihr den Gutes“, warf der von allen mit „Ulle“ begrüßte Star etwa den Mitarbeitern an der Labestation Schönau zu. Die Helfer, den ganzen Tag um jeden Fahrer liebevoll bemüht, dankten es dem Ex-Tour-de-France-Sieger. Und so ließ sich ein Tag mit 238 Kilometern und 5500 Höhenmetern über Kühtai, Brenner, Jaufenpass und Timmelsjoch, der manchen an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit brachte, auch verkraften.

Als etwa am Vormittag ein Platzregen die Gegend um Innsbruck einwässerte oder am Nachmittag das Timmelsjoch unter Schnee- und Hagelschauern mit Windböen bis 80 km/h erschauderte, hielt es mancher mit der kruden Theorie von Schwimmer Markus Rogan: Kopf ausschalten – das hilft im Sport.

Doch dort, wo Jan Ullrich seine Kreise zog, irgendwo im Mittelfeld nämlich, spielte gestern nicht die Musik. Zunächst heizte der Tiroler Emanuel Nösig (31) dem Feld ein, das 84-kg-Paket raste in 54 Minuten von Oetz nach Kühtai. Mit der Entscheidung hatte er jedoch nichts zu tun. Stefan Kirchmair, zunächst als Verfolger im Hintertreffen, überholte einen nach dem anderen. „Und plötzlich sagte mir am Weg zum Timmelsjoch jemand, dass ich nur zwei Minuten hinter dem Führenden auf Platz zwei liege.“ Der Fahrer vom Tirol Team, der sich selbst den Spitznamen „The Joker“ zuerkennt, stach: Mit neuem Streckenrekord von 7:00:12,4 Stunden ließ er letztlich den Belgier Bart Bury (7:01:03,3) und den Hausherren Armin Neurauter (7:05:03,1) hinter sich. Jener Schlüsselbeinbruch vor zwei Wochen, der die Titelverteidigung in Frage gestellt hatte, konnte den 23-Jährigen nicht bremsen. Gestern feierte er noch, heute verrichtet der Telfer im Polizeikommando wieder seinen Dienst.

Die schnellste Frau kam aus Belgien, hieß Edith Vanden Brande und feierte in 7:51;25,5 Stunden bereits ihren vierten Ötztaler-Triumph. Die beste Tirolerin Annika Schirmer (8:56:51,6) wurde Achte.

Auch Mr. Ötztaler Ernst Lorenzi und Oliver Schwarz, Geschäftsführer des Ötztaler Tourismusverbands, zogen zufrieden Bilanz. 19.000 Anmeldungen, letztlich handverlesene 3840 Starter, 20.000 Nächtigungen, dazu 40 Journalisten und sechs TV-Stationen dokumentieren das nachhaltige Interesse an der 500.000-Euro-Veranstaltung. „Geld bleibt keines über, aber die Medialisierung ist nicht zuletzt durch Jan Ullrich unglaublich.“ Sein Licht stellt Schwarz deshalb auch nicht unter den Scheffel: „Ich kenne einige Rad-Marathons, aber wir sind wohl die Besten.“


Kommentieren