Weil es immer wieder bergauf geht

Scheitern – darüber spricht niemand gern. Doch Fehler können auch Chance sein, erzählten Reinhold Messner, Marc Girardelli, Sascha Lobo u.a.m. beim International Mountain Summit in Brixen in Südtirol.

Von Irene Rapp

Brixen –Er war erfolgreicher Skirennläufer – und das trotz vieler verletzungsbedingter Pausen. „Gleich bei einer meiner ersten Abfahrten mit 19 Jahren bin ich so schwer gestürzt, dass Ärzte gesagt haben, ich werde nie mehr Ski fahren können“, so Marc Girardelli. Später dann, nach seiner Ski-Karriere, erlitt er mit einer Indoor-Skihalle im deutschen Bottrop mit 120 Mitarbeitern finanziellen Schiffbruch, musste beinahe Insolvenz anmelden. Sein „Versagen“ machte Schlagzeilen. Dieses Projekt sei ihm vielleicht „zu groß“ gewesen, sagt der gebürtige Vorarlberger heute. Doch auch da gab es für ihn nur eines: „Ich habe aus dem Sport gelernt, nicht aufzugeben. Nicht stehen zu bleiben, sondern in kleinen Schritten weiterzugehen.“

Viele Geschichten wurden am vergangenen Freitag in Brixen in Südtirol erzählt. Beim International Mountain Summit ging es um das Scheitern, das Scheitern am Berg und das Scheitern als Unternehmer. „Scheitern ist grauenvoll, Scheitern ist scheiße“, gestand auch der deutsche Internet-Experte Sascha Lobo. Sein Unternehmen mit 60 Mitarbeitern ging pleite. „Ich musste sogar meinen Bruder und meine Freundin entlassen.“ Und der gebürtige Berliner gestand auch zutiefst Persönliches: „Ich habe dieselben Fehler fünfmal gemacht, bis ich gemerkt habe, dass es ein Fehler war.“ Und dennoch ist Lobo heute als Strategieberater, Referent, Autor und Internet-Experte erfolgreich. Weil er sich mit dem Scheitern auseinandergesetzt habe. Und nicht mehr so viel Angst vor erneutem Scheitern habe.

Reinhold Messner wieder- um benötigte 31 Expeditionen, um alle 14 Achttausender zu besteigen. Und: „Bei meinen Expeditionen in Grönland, am Nordpol, in der chinesischen Wüste Taklamakan war ich nicht erfolgreich“, erzählte er. Es gebe kaum einen Alpinisten, der so oft gescheitert sei wie er. Und dennoch: „Wenn ich nicht so häufig gescheitert wäre, wäre ich nicht der, der ich heute bin.“

Das eigene Versagen als mögliche Chance zu begreifen, sei allerdings nicht Teil des europäischen Gedankenguts. „In den USA wird das Scheitern als Unternehmer tendenziell als Erfolg gesehen, insofern auch der Versuch zum Unternehmertun zählt“, zeigte der Südtiroler Wirtschaftswissenschafter Harald Pechlaner eine andere Facette auf. Hierzulande würden Unternehmen sich hingegen selten mit dem Scheitern beschäftigen. Und das, obwohl „Scheitern Grundlage für Innovationen im Betrieb sein könnte“. Da könne das betriebliche Management noch viel vom Alpinismus lernen, „nämlich auch ein mögliches Scheitern zu berücksichtigen“, wie Pechlaner es formulierte.

Am Berg schien auch Edurne Pasaban zu scheitern – nicht nur als Alpinistin, sondern auch als Persönlichkeit. 2004, beim Abstieg vom K2 – dem zweithöchsten Berg der Welt – zog sie sich Erfrierungen an zwei Zehen zu, die amputiert werden mussten.

Danach verfiel sie in Depressionen. „Ich fragte mich immer wieder, welche Fehler ich gemacht habe und warum ich das alles mache“, berichtete die Spanierin, die als zweite Frau alle 14 Achttausender bestiegen hat. Erst nach drei Jahren kehrte sie wieder auf die hohen Berge der Welt zurück. „Weitergehen lautete meine Devise“, so ihr Rezept. Dabei geholfen hätten ihr Psychologen und Psychiater, aber auch Freunde und „meine Mama“.

Die vier „Stationen“ auf dem Weg zurück nannte der deutsche Psychologe Thomas Fuchs, der u. a. als Krisenmanager für Führungskräfte tätig ist. „Am Anfang steht die Akzeptanz. Ich muss verinnerlichen, dass alles, was ich mache, mit Scheitern enden kann. Und ich muss wissen, wie ich beim Scheitern ticke.“ Dann sei es notwendig, wieder Selbstverantwortung zu übernehmen, im nächsten Schritt Selbstvertrauen aufzubauen. „Ich muss mich auf meine Stärken besinnen. Was ist notwendig, um das nächste Ziel zu erreichen.“ Und nicht zuletzt sei es mit dem Neuanfang notwendig, irgendwann einmal die „Komfortzone“ zu verlassen – sich wieder dem Leben mit seinen Höhen und Tiefen zu stellen.

Nicht selten „erweisen sich Fehler im Nachhinein als Glücksfall“, gab Girardelli noch mit auf den Weg. So hätte die Firma Reebok in den 1980er-Jahren Schuhe bestellt, die sich als viel zu weich und unbrauchbar für viele Sportarten herausstellten. „Reebok machte Aerobic-Schuhe daraus, und das war dann ein riesen Renner.“ Für den einstigen Skifahrer ein Beispiel dafür, sich auch nach gemachten Fehlern mit der Frage zu beschäftigen, was man daraus lernen bzw. machen könne. Ein anderes Beispiel rückte Lobo wieder ins Bewusstsein. „Die alte Dame, die das Jesus-Bild in einer spanischen Kirche nachmalte, hat dafür gesorgt, dass der Fremdenverkehr in diesem Ort in die Höhe geschnellt ist, weil alle das Bild sehen wollten.“ Auch er habe aus seinem Scheitern viel gelernt, gestand Lobo noch ein. Wenn man es zulasse, dann könnten die Fehler so letztendlich in etwas Positivem münden.

Ein Umstand, den auch Psychologe Fuchs als „Seelenkenner“ bestätigte: „Man lernt im Scheitern mehr. Die Leute werden bescheidener, toleranter und realistischer.“ Und würden oft erst dann – zwar über einen Umweg – ans angestrebte Ziel kommen.


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