Schreiben als Methode der Weltaneignung

Der Innsbrucker Schriftsteller und TT-Kolumnist Walter Klier wird heute in Hall mit dem Otto-Grünmandl-Literaturpreis ausgezeichnet.

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Vor gut zwanzig Jahren sorgte Walter Klier zusammen mit seiner damaligen Freundin und heutigen Frau Stefanie Holzer einen Sommer lang für ziemliches Rauschen im deutschsprachigen Blätterwald.

Gemeinsam hatte das Paar einen Text, eine Annäherung an das Leben und Sterben des Südtiroler Dichters Norbert Conrad Kaser, geschrieben und ihn der ebenso geheimnisvollen wie fiktiven Autorin Luciana Glaser zugeschrieben. Der renommierte Wiener Verlag Zsolnay veröffentlichte das Buch unter dem Titel „Winter­ende“ und die Rezensenten jubelten. Diese Glaser, von der noch niemand gehört hatte, schreibe wie Thomas Bernhard, wie Rainer Maria Rilke, wie Friedrich Hölderlin. Dann, „Winterende“ wurde gerade von der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung als Buch des Monats ausgezeichnet, platzte die Bombe. Das Fräuleinwunder Luciana Glaser gab es nicht. Klier und Holzer hatten den gefeierten Text binnen weniger Wochen „heruntergenudelt“. „Die literarische Welt war damals von einem beinahe staatstragenden Ernst gekennzeichnet“, sagt Klier heute, „und diese ernsten Herren wollten wir ein bisschen ärgern – es war eine harmlose Spinnerei.“ Das sahen die Meinungsführer der bloßgestellten Branche freilich anders. Sigrid Löffler war auf der Palme und in der Zeit regte sich Karl-Markus Gauß nicht nur über die Unverfrorenheit des perfekt inszenierten Schwindels auf, sondern ätzte zudem über die von Klier und Holzer herausgegebene Kulturzeitschrift Gegenwart. Die, so Gauß, sei eine „mediokre Hauspostille“. Mit dieser im Furor der Empörung vorgetragenen Einschätzung hat Gauß, wie er selbst wenig später, als sich der Sturm der Entrüstung gelegt hatte, zugab, weit übers Ziel hinausgeschossen.

„Gegenwart“, erklärt Klier im Gespräch mit der TT, „war zunächst einmal der Versuch, neue Publikationsmöglichkeiten in Tirol zu schaffen. Orientiert haben wir uns an großen Vorbildern, wie dem New York Review of Books. Es sollte keine thematischen Grenzen geben, keine Denkverbote.“ Eine Vielzahl renommierter Vor- und Nachdenker, von Josef Haslinger über Hilde Spiel bis zu Willi Winkler, schrieben Beiträge für die seit 1989 erscheinende Zeitschrift. 1997 wurde sie eingestellt. „Gegenwart war ein zeit- und kraftfressendes Hobby. Irgendwann waren unsere Ressourcen verbraucht. Es war also an der Zeit, etwas anderes zu machen.“ Ein Gefühl, das für den mittlerweile 57-Jährigen schon damals nichts Neues war. „Ich bin ein flatterhafter Geist“, sagt er selbst, „wenn ich zu lange das Gleiche mache, werde ich trübsinnig.“

Um dem Trübsinn zu entgehen, hat Walter Klier verschiedene Wege – hier drängt sich der Vergleich zum begeisterten Bergsteiger, der er seit frühester Jugend ist, auf – erschlossen. Neben seiner literarischen Tätigkeit (zuletzt erschien 2008 der Roman „Leutnant Pepi zieht in den Krieg“) hat Walter Klier unzählige Wander- und Bergführer verfasst, lange Jahre als Literaturkritiker gearbeitet und fungierte bis 2002 als Herausgeber des Alpenvereinjahrbuches. Gemein sind allen seinen Aktivitäten eine enge Bindung an seine ganz persönlichen Erfahrungswelten. „Die Erfahrungen, die man macht, prägen einen genauso wie die Landschaft, in der man lebt. Daraus ergibt sich eine ganz eigene Perspektive auf die Dinge und diese Perspektive drückt sich in allem aus, was ich mache.“

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Als Schriftsteller fühlt sich Walter Klier dem Realismus verpflichtet, allerdings weniger im Sinne eines ästhetischen Programms, sondern als Methode der Weltaneignung. „Ich bin kein großer Erfinder“, sagt er. Vielmehr gehöre sein Interesse dem vorgefundenen Material. Schreibend hat er seine Biografie, als Sohn des Südtirol-Aktivisten Heinrich Klier – den er 1991 im Roman „Aufrührer“ porträtierte – in „Meine konspirative Kindheit“ (2005) durchmessen. Schreibend hat er Briefe seines Großvaters zu einem historischen Tatsachenroman montiert („Leutnant Pepi zieht in den Krieg“).

Nicht zuletzt dafür, aber auch für 30 Jahre Literaturvermittlung in Tirol, wird Walter Klier heute um 19 Uhr im Salzlager Hall vom Land Tirol der mit 5000 Euro dotierte Otto-Grünmandl-Preis verliehen. Im Anschluss liest Klier aus seinem noch unveröffentlichten Text „Der längste Sommer“, danach präsentieren die Schauspieler Bettina Redlich und Katharina Brenner Texte von Otto Grünmandl selbst.


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