Kinokrieg für Schwulenrechte

Mit seiner schrillen Komödie „Parada“ ist dem serbischen Regisseur Srdjan Dragojevic ein Blockbustererfolg in allen ehemaligen Kriegsgebieten Jugoslawiens gelungen.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Um Missverständnissen vorzubeugen, eröffnet Srdjan Dragojevic seinen Film „Parada“ mit einem kleinen Glossar der Schimpfwörter, die sich Kroaten („Ustascha-Faschisten“) und Serben („Tschetniks“) an den Kopf werfen. Für die Verhöhnung einer Minderheit verbünden sie sich bei einer gemeinsamen Benennung: „Peder“ klingt harmlos, meint jedoch „Schwuchtel“. Darüber hinaus schadet es zum besseren Verständnis des Filmes auch nicht, sich mit zwei Klassikern des Hollywood-Kinos vertraut zu machen. „Parada“ folgt der Erzählweise des Edelwesterns „Die glorreichen Sieben“ und zitiert ausgiebig William Wylers „Ben Hur“ (1959), dessen Schlüsselszenen zwischen Charlton Heston und Stephen Boyd eindeutige homoerotische Signale aussenden sollen.

Für Limun (Nikola Kojo) ist die tägliche Besichtigung von „Ben Hur“ Seelenbalsam, denn der ehemalige Gangster und Soldat während der Jugoslawien-Kriege betreibt in Belgrad eine Security-Firma, die zwischen die Fronten geraten ist. Jüngstes Opfer des serbischen Bandenkrieges ist Limuns Hund, dessen Leben der Tierarzt Radmilo (Milos Samolov) wie sein eigenes retten soll. Nach der gelungenen Operation könnten Tierarzt und Gangster Freunde werden, doch Radmilo ist schwul.

Limun erholt sich bei „Ben Hur“, denn in seiner Lesart des Films wird in der Freundschaft zwischen dem Juden und dem Römer nur der Kriegsgott beschworen. Für neue Unruhe sorgt der Hochzeitsplaner (Goran Jevtic), den Limuns Braut Biserka (Hristina Popovic) engagiert hat, doch Mirko plant nebenbei auch die erste Schwulenparade für Belgrad. Weil der Zufall so schön mitspielt – Mirko ist auch Radmilos Lebensgefährte – möchte er Limuns Firma für den sicheren Ablauf der Parade verpflichten. Limun würde sich lieber auf der Seite der rechtsradikalen Skinheads einfinden und die Aggression des homophoben Personenschützers steigert sich durch den hämisch vorgebrachten „Ben Hur“-Schwulenhinweis, der ihm andererseits auch zu denken gibt. Für Biserka wird es jedenfalls keine Hochzeit geben, solange Limun seine Einstellung gegenüber Schwulen nicht ändert.

Limun sucht die ehemaligen Kriegsgebiete zwischen Kroatien und Bosnien auf, um geläuterte Gangster und Freischärler einzusammeln, die wie er, Yul Brynner und Steve McQueen noch einmal für eine gerechte Sache in den Krieg ziehen wollen.

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Um für die Rechte der Homosexuellen kämpfen zu können, greift der serbische Regisseur Srdjan Dragojevic zu drastischen Klamaukmitteln und einem schrillen Inszenierungsstil, den es im europäischen Kino seit den 70er Jahren nicht mehr gibt. Die meisten der äußerst derben Scherze gehen auf Kosten der Schwulen, bis es zur großen Schlacht kommt. „Parada“ bezieht sich auf die Ereignisse um die erste Gay Pride Parade von 2010 in Belgrad, als 5000 Polizisten aufgeboten werden mussten, um 1000 Lesben und Schwule vor einem Steine werfenden Mob zu schützen. Über eine halbe Million Kinogeher in Kroatien, Serbien und Bosnien haben „Parada“ gesehen und damit alle Rekorde gebrochen. In Innsbruck ist der Film in der Originalfassung mit Untertiteln zu sehen.


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