Europas Börsen leiden unter Sandy - Handel an Wall Street liegt brach

An allen US-Aktienmärkten fällt zum Wochenauftakt wegen des Hurrikans „Sandy“ der Handel aus. Der Wirbelsturm hat auch an Europas Aktienmärkten zu Wochenbeginn Spuren hinterlassen.

New York - Das Wetter macht der Finanzwelt einen Strich durch die Rechnung: Die New Yorker Wall Street bleibt wegen Sturmgefahr geschlossen. An allen US-Aktienmärkten fällt zum Wochenauftakt wegen des Hurrikans „Sandy“ der Handel aus. Dies ordnete in der Nacht zu Montag die US-Wertpapieraufsichtsbehörde SEC in New York an. Die New Yorker Börsen Nyse und Nasdaq bleiben auch am Dienstag geschlossen. Der Handel mit US-Staatsanleihen findet dann wetterbedingt ebenfalls nicht statt. Nyse und Nasdaq planen, den Aktienhandel am Mittwoch wieder aufzunehmen, dem letzte Handelstag des Monats, an dem Investoren üblicherweise ihre Portfolios anpassen.

Gesamter Handel liegt brach

Weil der Nahverkehr stillsteht, können die Händler nicht zur Arbeit kommen. Zudem liegt die Wall Street in einer Gegend, die überflutungsgefährdet ist. Ab Mittwoch soll die Börse dann wieder öffnen, sofern es die Wetterbedingungen zulassen. Das letzte Mal stand die amerikanische Finanzwelt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 derart still.

„Sicherheit muss unsere höchste Priorität sein“, erklärte die traditionsreiche New York Stock Exchange (NYSE). In und um New York City fahren weder Züge, Busse, U-Bahnen noch Fähren. Die Händler und Angestellten, von denen viele in Vororten wohnen, hätten also mit dem Auto zur Arbeit kommen müssen. Bereits früh hatte die NYSE deshalb entschieden, zumindest den Parketthandel auszusetzen. Nun liegt der gesamte Handel brach - auch bei der konkurrierenden und rein auf Computerhandel basierenden Börse Nasdaq. Der ebenfalls in New York City sitzende Pharmakonzern Pfizer hat die Bekanntgabe seiner Geschäftszahlen für das dritte Quartal von Dienstag auf Donnerstag verschoben. „Dies ist eine extrem gefährliche und unberechenbare Wetterlage“, sagte Börsenchef Duncan Niederauer.

Handelssaal der NYSE evakuiert

Ursprünglich hatte die New York Stock Exchange allen Handel mit Wertpapieren auf ihre elektronische Plattform Arca umlenken wollen. Es wäre jedoch zu kompliziert gewesen, die Handelssysteme der vielen Finanzfirmen darauf umzustellen, hieß es. Das letzte Mal war die New York Stock Exchange 1985 sturmbedingt geschlossen, damals war es Hurrikan „Gloria“. Am 8. Jänner 1996 hatte die Börse wegen eines Wintersturms die Handelszeiten verkürzt. Bei Hurrikan „Irene“ im vergangenen Jahr dagegen war die Stadt New York glimpflich davongekommen und die Börsen blieben geöffnet.

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Der Handelssaal der NYSE an der Wall Street befindet sich nahe eines Gebiets, das am Sonntag als Vorsichtsmaßnahme von den Behörden evakuiert wurde. Hier an der Südspitze Manhattans fließen der Hudson River und der East River vorbei. Um das Hauptquartier der Investmentbank Goldman Sachs errichteten Arbeiter am Sonntagnachmittag Betonbarrikaden, um das Eindringen von Wasser zu verhindern. Vor der Warenterminbörse Nymex stapelten sich Sandsäcke. Das Gebäude liegt direkt am Hudson River und damit in einer der Evakuierungszonen. Die Bauarbeiten am nahen One World Trade Center - früher „Freedom Tower“ genannt - kamen zum Erliegen.

Viele Banken gaben ihren Mitarbeitern frei. Um eine Notbesetzung aufrecht zu erhalten, übernachteten manche Beschäftigte in Hotels nahe ihrer Büros. Die meisten großen Finanzfirmen sind mittlerweile aus der Gegend um die Wall Street weggezogen und haben in Midtown Manhatten neue Hochhäuser errichtet. Diese Gegend liegt weiter weg vom Wasser. Auch die vergleichsweise junge Technologiebörse Nasdaq liegt in Midtown direkt am Touristenmagneten Times Square.

Europas Märkte spüren „Sandy“

Der Hurrikan „Sandy“ hat auch an Europas Aktienmärkten zu Wochenbeginn Spuren hinterlassen. Aus Furcht vor hohen Kosten infolge möglicher Sturmschäden trennten sich Anleger vor allem von Versicherungswerten. Ansonsten wagte sich kaum jemand aus der Deckung - die Umsätze blieben dünn. Zudem fehlten Impulse aus den USA, wo die New Yorker Börse am Montag und auch am Dienstag wegen des Wirbelsturms geschlossen bleibt. Es ist das erste Mal seit 27 Jahren, dass die Wall Street wetterbedingt dichtmachen musste.

Der DAX notierte am Montagnachmittag 0,5 Prozent schwächer bei 7.196 Zählern. Der Umsatz lag mit lediglich 725 Mio. Euro mehr als 20 Prozent unter dem ohnehin schon mauen Schnitt der vergangenen 90 Handelstage. Der Londoner FTSE-Index kam auf rund 18 Prozent seines 90-Tages-Schnitts und verlor ein Prozent. Der EuroStoxx50 notierte 0,8 Prozent schwächer bei 2476 Punkten.Wegen des Wirbelsturms wurden auch zahlreiche Flüge von und in die USA gestrichen. Die Aktien von Lufthansa gaben um 0,7 Prozent nach, die von Air-France KLM und dem British-Airways-Konzern ICA verloren zwei und 1,3 Prozent.

„Sandy“ könnte die Versicherungsbranche teuer zu stehen kommen. Für die Rückversicherung Schweizer Re könne der Sturm Kosten von mehreren Milliarden Dollar bedeuten, falls „Sandy“ in den dicht besiedelten Gebieten an der US-Ostküste hohen Schaden anrichte, erklärten Analysten der Zürcher Kantonalbank am Montag. Die durch „Sandy“ verursachten Kosten könnten sogar höher ausfallen als beim Hurrikan „Katrina“ im Jahr 2005.

Allein schon durch die Vorsichtsmaßnahmen, die wegen des herannahenden Hurrikans veranlasst worden seien, stehe ein Teil der US-Wirtschaft still. Wenn „Sandy“ die großen Metropolen an der Ostküste treffe, sei mit erheblichen Schäden zu rechnen, die sich nicht nur aus materiellem Schaden zusammensetzen, sondern auch aus unterbrochenen Geschäftsaktivitäten, erklärten die Analysten weiter.

Öl-Raffinerien an US-Ostküste lahmgelegt

Der Wirbelsturm „Sandy“ hat die Versorgung der US-Ostküste mit Benzin, Diesel und Flugzeugtreibstoff nahezu lahmgelegt. Die Raffinerien an der Ostküste drosselten ihre Kapazitäten um fast 70 Prozent, wie die Betreiber am späten Montagabend mitteilten, als „Sandy“ auf die Ostküste traf. Zudem sollte die Colonial Pipeline, die die Ostküste mit den Raffinerien an der Golfküste verbindet, auf ihrer Hauptverbindung nach Philadelphia und New York City geschlossen werden. Außerdem haben die meisten großen Häfen entlang des betroffenen Ostküstenabschnitts ihren Betrieb eingestellt. Rund eine Mio. Barrel täglich werden über die Häfen importiert.

An den Terminmärkten notierten die Preise für die beiden großen Ölsorten Brent und WTI nahezu unverändert. Ein Fass (159 Liter) Nordseeöl kostete 109,48 Dollar (84,88 Euro) , US-Leichtöl der Sorte WTI 85,71 Dollar. Die Preise für Heizöl und Benzin gaben je 0,3 beziehungsweise 0,6 Prozent auf 3,10 und 2,74 Dollar je Gallone nach. Am Vortag hatten einige Anleger auf Versorgungsengpässe spekuliert und die Preise für Benzin und Heizöl hochgetrieben. „Wenn es keine großen Katastrophen gibt, werden die Preis wieder in die andere Richtung gehen“, erklärte ein Analyst. Zudem könnte ein deutlicher Einbruch der Nachfrage - so sind bis zum Dienstag über 13.000 Flüge abgesagt worden - die Preise drücken. Das gelte nicht nur für Treibstoff, sondern auch für Benzin, erklärte ein anderer Börsianer. „Die Leute können nicht raus, sie können kein Benzin verbrauchen.“ (APA/dpa/Reuters)


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