Verzweifelt und verzettelt

Das Theater im Lendbräukeller zeigt Felicia Zellers Burn-out-Drama „Kaspar Häuser Meer“.

Von Christiane Fasching

Schwaz –Die Amtsstube ist höllisch klein und bis an die viel zu niedere Decke zugepappt mit kunterbunten Post-Its, die mehrfärbige Mahnmale des schlechten Gewissens markieren – denn hinter jedem Zettel steckt ein schreckliches Schicksal, das Barbara, Silvia und Annika eigentlich aufarbeiten sollten. Doch die drei Damen vom Jugendamt sind derartig überarbeitet, dass das mit dem Aufarbeiten eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ihren Kollegen Björn hat‘s ja auch schon geputzt – er ist ein Opfer seiner Zettelwirtschaft geworden und zählt jetzt zu den Ausgebrannten der Gesellschaft. Die Asche, die er hinterlässt, schürt leider die Flamme am Burn-out seiner Kolleginnen, die eigentlich auch nur noch am Zahnfleisch kriechen.

Zeit, um sich die menschlichen Katastrophen zu Herzen gehen zu lassen, bleibt da keine. Dabei sind die drei Damen, die im Zentrum von Felicia Zellers Drama „Kaspar Häuser Meer“ stehen, eigentlich gar nicht herzlos. Aber zeitlos ist auch nicht viel besser. Zellers Burn-out-Stück, das seit Samstag unter der Regie von Christian Himmelbauer (Bühne: Manuela Müller) im Theater im Lendbräukeller zu sehen ist, wurde 2008 bei den Mühlheimer Theatertagen mit dem Publikumspreis gewürdigt – zu Recht. Der virtuose Text lässt den Zuschauer in eine paragraphenlastige Welt blicken, die man sonst oft nur aus Schreckensmeldungen kennt, die mit dem Nachsatz „Das Jugendamt war seit Jahren informiert“ enden. Zeller zeigt, dass hinter dem hinkenden Amtsschimmel Menschen stecken, die ihrerseits ihr Päcklein zu tragen haben.

Im Lendbräukeller verkörpern Susanne Schartner, Carolien M. Hochfelner und Anja Pölzl die „netten Tanten“, die nicht mehr können, und doch müssen. Halbfertig sind die Fälle, denen sie nachzugehen haben, halbfertig sind die Sätze, die sie um sich schleudern. Die Arbeit verfolgt sie bis in die Träume, bis in die Selbstmordfantasien – denn wer am Boden aufschlägt, der muss sich keine Sorgen mehr machen, dass jemand anderer zugrunde geht. Aus dem Trio sticht vor allem Anja Pölzl hervor – wenn sie „ICH LIEBE meinen Beruf“ brüllt, kriegt man‘s mit der Angst zu tun. Wenn sie beim Wort „Jahresstatistik“ zusammenzuckt, will man sie umarmen. Schartner gibt solide die Dienstälteste, die ihren Frust mit Reisefantasien bewältigt, Hochfelner stolpert teils über den Text, der zwischen Dialekt und Hochsprache pendelt.

„Kaspar Häuser Meer“ ist aktuell, brisant und sehenswert. Mit weniger Gebrüll würde man die Botschaft aber auch verstehen.

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