Als das NSU-Versteck brannte: Zwickau erinnert sich an atemlose Tage

Hier verbargen sich die Urheber einer beispiellosen Mordserie - Zwickau wurde zum Synonym für Neonazi-Terror. Rettungskräfte, die vor einem Jahr zum brennenden Versteck eilten, erinnern sich an einen Einsatz wie keinen zweiten.

Von Jörg Schurig, dpa

Zwickau – Das Stigma bleibt. Auch ein Jahr nach der Selbstzerstörung der NSU-Terrorgruppe taucht Zwickau in den Medien vor allem in diesem einen Kontext auf: Es geht um Neonazi-Terror, Mordopfer, Ausländerhass. In der Stadt selbst ist die Erinnerung an die atemlosen Tage im November 2011 sehr lebendig.

Zwickau gibt dem ganzen Geschehen einen Beinamen, obwohl die Stadt mehr oder weniger zufällig zum Schlupfwinkel von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe wurde. Die mutmaßlichen Täter mögen ihre Gründe gehabt haben, warum sie sich gerade hier versteckten, nur 90 Kilometer von der Heimatstadt Jena entfernt. Für viele Zwickauer bleibt es unergründlich.

Erster Notruf um 15.11 Uhr

Wenn der Chef des Zwickauer Feuerwehramtes, Heinrich Günnel, über den 4. November 2011 spricht, ist ihm noch immer Anspannung anzumerken. Der 57-Jährige weiß mehr, als er öffentlich sagen darf. Noch sind nicht alle Untersuchungen über die Verbrechen des NSU und möglicher Helfershelfer beendet. Deshalb lächelt Günnel manchmal nur still vor sich hin und lässt Fragen wie einen Wasserstrahl an einer Hauswand abprallen. Dennoch sind ihm die Daten des Einsatzes allgegenwärtig, nur ganz selten muss er die Kladde von damals in die Hand nehmen. Zur Erläuterung zeichnet er den Grundriss der Wohnung auf eine Tafel.

Rückblende. Der 4. November 2011 ist ein Freitag. Die junge Zwickauerin ist aufgeregt, als sie um 15.11 Uhr den Notruf 112 wählt. Sie kann der Feuerwehr zunächst nicht den exakten Brandort nennen. Nur der Straßenname fällt ihr ein. Später ereilt ein weiterer Ruf die Zentrale, diesmal ist von einer Explosion die Rede. Die Berufsfeuerwehr ist unterwegs. 15.15 Uhr sind die Einsatzkräfte am Ziel. Es ist die Frühlingsstraße 26. 15.19 Uhr beginnen sie mit dem Löschen. Inzwischen sind Kollegen von Freiwilligen Feuerwehren angefordert. Die Zentrale vermutet eine Gasexplosion.

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Versteck hinter bürgerlicher Fassade

Während draußen Schaulustige aus sicherer Entfernung zuschauen, greifen Feuerwehrmänner von außen und innen gleichzeitig an. Sie stürmen ins erste Stockwerk, wo die Detonation offenbar ausgelöst wurde. Aber nur eine der beiden Türen lässt sich problemlos aufbrechen. Die andere scheint besonders gesichert. Erst später, als Kettensägen zum Einsatz kommen, gibt die Tür nach. Die Ungewissheit über mögliche Opfer bleibt.

Und noch etwas wissen die Feuerwehrleute in diesen Minuten nicht: Sie befinden sich im zerstörten Versteck einer Gruppierung, die unter dem Kürzel NSU schon bald in aller Munde ist. Und deren Mordserie Deutschland verändern wird - in dem Moment, als sie endlich bekannt wird.

Jahrelang hat sich die Neonazi-Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund hinter einer bürgerlichen Fassade in Zwickau versteckt, hat von hier aus eine blutige Spur durch ganz Deutschland gezogen. Mindestens zehn Todesopfer sollen auf das Konto der Rechtsextremisten gehen. In Zwickau sind sie in einem Viertel untergeschlüpft, dessen Straßen Namen wie Veilchenweg, Lilienweg oder Fliederweg tragen.

„Das hätte hochgehen können“

Später wird den Feuerwehrleuten klar: Jene Tür, an der sie zunächst scheiterten, soll der Eingang zu einem „konspirativen Teil“ des Domizils gewesen sein. Ursprünglich hatten sich zwei separate Wohnungen in der ersten Etage des Hauses befunden. Das Trio machte ein Appartement mit zwei Eingängen daraus. In der Nachbarschaft ging man davon aus, dass Mieterin Susann alias Zschäpe gemeinsam mit ihrem Mann und Schwager dort leben würde.

Günnel beschreibt die Gefühlslage der Kollegen in den Tagen danach so: „Wir sind noch einmal geboren worden.“ Denn was wäre gewesen, wenn die Terroristen ihr Versteck mit Sprengfallen gesichert hätten? Als klar gewesen sei, dass am Brandort Waffen und Munition lagerten, habe jeder begriffen: „Das hätte hochgehen können.“

Als der Brand gelöscht ist, suchen die Beamten nach Leichenteilen, auch ein Fährtenhund kommt zum Einsatz. Noch weiß keiner, dass Böhnhardt und Mundlos zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Stunden tot sind. Sie haben sich nach einem Banküberfall in Eisenach das Leben genommen.

Viele Fragen bleiben. Löste Zschäpe eine Explosion aus, um Spuren zu verwischen? Warum ließ sie Waffen und andere Beweisstücke nicht verschwinden? Gehörte zum „Plan B“ vielleicht sogar das Szenario, dass Zschäpe bei der Explosion selbst sterben sollte? Günnel spricht von Kaffeesatzleserei. Er selbst konnte das Versteck unmittelbar nach dem Feuer in Augenschein nehmen, manches in der Wohnung wirkte wie unversehrt. Günnel erinnert sich an einen Teppich, der fast keine Brandspuren aufwies. Auch ein Hochbett und Sprayflaschen hätten keinen Schaden genommen.

Hausruine abgerissen

Um 2.00 Uhr in der Nacht ist der Einsatz beendet. Ein Bagger hat bereits so viele Trümmer beseitigt, dass das Haus nicht mehr zum Einsturz kommen kann. Am Tag darauf sind die Zwickauer Polizisten und Feuerwehrleute noch einmal in der Brandruine. Dann kommt überraschend der Befehl zum Abzug: Die Verbindung zwischen den Tatorten Eisenach und Zwickau ist da. Fortan haben die Experten des Bundeskriminalamtes (BKA) das Sagen. Sie bleiben lange in Zwickau. Für alle anderen bleibt das Gebäude tabu.

Ein Jahr danach. Die Stadt hat die Hausruine für 200.000 Euro gekauft und abreißen lassen. Alles in allem beläuft sich die Rechnung auf 300.000 Euro. Die Kosten des Rettungseinsatzes - 44.000 Euro - wurden Zschäpe in Rechnung gestellt - bis zum Ende ihres Prozesses, der vermutlich im Februar in München beginnt, hat Zwickau diese Forderung zurückgestellt. Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) sieht die Stadt auf den Weg zur Normalität. Dass ausgerechnet Zwickau zum Versteck wurde, sieht sie wie einen Zufallstreffer in einem perfide ausgeklügelten Plan.

Amtschef Günnel ist stolz darauf, dass mit dem schnellen Eingreifen der Feuerwehr viele Beweisstücke gerettet werden konnten. Dass Dutzende Beamte des BKA wochenlang in Zwickau leben mussten und die Stadt dabei kennenlernten, verbucht Findeiß als einzige positive Erfahrung dieser Zeit: „Sie wurden von ihren Familien besucht und konnten sehen, wie unsere Stadt wirklich ist - freundlich und zuvorkommend.“

Jörg Schurig ist Reporter bei der Deutschen Presseagentur


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