Auf dem letzten Weg herrscht keine Eile

Seit elf Jahren besorgt Dieter Kuba die Feuerbestattungen im Innsbrucker Krematorium.

Von Sabine Schluifer

Innsbruck –Betriebsleiter Dieter Kuba trägt dunkle Jeans, ein schwarzes T-Shirt, eine rote Armbanduhr und ein freundliches Lächeln im Gesicht. „Ich habe mich hier beworben, weil ich nicht mehr auf Leitern steigen wollte“, erinnert sich der gelernte Elektromechaniker und Maschinenbauer. „Wenn ich dort Leichen waschen muss, dachte ich damals, dann mache ich es nicht.“ Elf Jahre und ein freiwilliges Praktikum bei einem Bestatter später hat sich sein Blickwinkel verändert. „Heute würd‘ ich auch das machen, weil ich weiß, wie unendlich wertvoll diese Dienste für die Angehörigen sind.“

Drei der 26 Kühlzellen sind heute belegt. „Hier werden die Verblichenen in Särgen zwischengelagert“, erklärt der Kremator. Die Bestattungsunternehmen verfügen über einen Schlüssel und können jederzeit anliefern. „Verwechslungen sind ausgeschlossen. Jeder Sarg erhält mit der Eintragung in das digitale Kremierungsverzeichnis eine eindeutige, fortlaufende Nummer“, versichert Kuba, während hinter ihm ein Sarg zur Kühlzelle gerollt wird. „Die Nummer ist in ein Schamottplättchen eingestanzt“, erklärt er, dreht so ein beiges Plättchen um und legt es auf einen Sargdeckel. „Dieses bleibt nun bis zum Befüllen der Aschenkapsel immer bei dem Verblichenen.“

Da Kuba hier alleine arbeitet, ist er froh, dass ihm Hebegeräte den Transport des Sarges von der Kühlung zum Brennofen erleichtern. „Da es bei uns keine Gewichtsgrenzen gibt, rufe ich mir bei besonders schweren Personen Unterstützung. Nicht, dass der Sarg abrutscht.“ Der Sarg liegt nun auf dem Einbringungsbalken. Kuba betätigt einen Knopf, der Balken hebt sich, die Ofentür schiebt sich hoch und der Sarg fährt rasch in den Ofen ein. Von einem kleinen Büro aus wird die Anlage über Computer gesteuert. Rechts an der Wand neben Kuba, der gerade die Kremierungsnummer erfasst, hängt ein Kreuz. „Ja, ich bin ein gläubiger Mensch“, bekennt er.

Jeder Brennofen hat einen Primär- und Sekundärofen. Die Temperatur liegt bei mindestens 800 Grad Celsius. Sobald der Sarg einfährt, fängt das Holz Feuer. Die Kremierung dauert je nach Masse und Geschlecht des Verstorbenen zwischen 90 und 120 Minuten. „Die Dauer hängt auch davon ab, wie krank der Mensch war“, sagt Kuba. „Ich weiß nicht warum, aber Menschen, die viele Chemotherapien hatten oder viel Suchtmittel im Körper tragen, verbrennen schlechter.“ Nachdem die Temperatur im Ofen auf bis zu 1200 Grad ansteigt, verbrennt und verdunstet der menschliche Körper.

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„Die Asche besteht zu 90 Prozent aus unserem Skelett. Männer machen meist mehr Asche als Frauen, weil deren Knochen gröber sind“, weiß der Innsbrucker. „Bei der Kremierung entstehen Rauchgase, diese werden im Sekundärofen nachverbrannt, abgekühlt und gefiltert nach draußen geführt“, sodass die Umweltbelastung bei dieser Bestattungsvariante, die immer beliebter wird, sehr gering ist. Fast 70 Prozent der in Innsbruck Verstorbenen wurden 2011 kremiert.

In dem für Besucher gesperrten hinteren Teil der Ofenanlage schaut Kuba nun durch ein Sichtfenster in den Ofenraum und erklärt fachmännisch: „Die Asche ist gleichmäßig verteilt, das heißt, die Kremierung ist abgeschlossen.“ Nun schlagen Eisenteile aufeinander und Kuba schiebt die Asche in eine Eisenbox von 30 mal 40 Zentimeter. Dort kühlt sie ab. „Anfangs hab‘ ich mich dabei oft am Schamott verbrannt“, doch so wie die Handgriffe immer geübter werden, so wird auch der Umgang mit dem Tod immer selbstverständlicher. In der kalten Asche sucht Kuba mit einem Metalldetektor nach künstlichen Gelenken, die entsorgt werden müssen, bevor die Asche in der Mühle gemahlen werden kann. „Sonst hätte sie in der 30 Zentimeter hohen Aschenkapsel nicht Platz.“ Er legt das nummerierte Schamottplättchen wieder zur Asche und verplombt die im Schnitt drei bis sechs Kilo schwere Kapsel.

Ungefragt fährt er fort: „Ich schütze mich, in dem ich mir denke, es verbrennt hier nur die Hülle. Und ich halt‘ mich an die Ratschläge der alten Bestatter. ‚Dieter tu nicht gleich verbrennen. Wart‘ immer 48 Stunden‘.“


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