Erzählungen vom Weltenrand

Literarische Kartographie: Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“.

Innsbruck – Der oberösterreichische Erzähler Christoph Ransmayr hat ein neues Buch geschrieben. Es ist das Produkt unzähliger Reisen, die er in den vergangenen dreißig Jahren gemacht hat. Reisen, die ihn weit abgetrieben haben von den breitgetretenen Pfaden touristischer Welterschließung. 70 kleine Erzählungen, die meisten sind keine zehn Seiten lang, hat er aus seinen Erfahrungen gemacht. Jede für sich ist ein fragiles Gebäude, eine zwar sprachmächtig ins Bild gesetzte, aber doch verletzliche Momentaufnahme. Gemein ist allen Erzählungen, dass sie von einer einzelnen Wahrnehmung ausgehen – alle beginnen mit dem etwas seherisch anmutenden „Ich sah ...“ – und sich nur langsam auf den Weg machen. Vielfach hat Ransmayr lediglich seine Wahrnehmungen in Sprache gearbeitet. „Geschichten“ – schickt er voraus – „ereignen sich nicht, Geschichten werden erzählt“. Es geht ihm also nicht nur um das, was er erzählt, sondern auch um das Erzählen selbst. Sein „Atlas eines ängstlichen Mannes“ ist eine Meditation über die Unmöglichkeit, Allgemeingültiges über „die Welt“ zu sagen, genauso wie ein echter Atlas nicht „die Welt“ abbildet, sondern abstrakte Annäherungen an eine (mögliche) Welt zu Papier zu bringt. Wenn es also die objektive Welt nicht gibt, ist alles, was dem Schreibenden bleibt, die subjektive Erfahrung, das was sich ihm, der mehr Beobachter als Teilnehmer ist, ins Hirn gedrückt hat.

Über diese Situation meditiert Ransmayr sprachmächtig, während er mögliche Welten bereist. Welten, die sich an ihren Rändern bereits aufzulösen beginnen. Ein Phänomen, das Ransmayr weder analysieren will noch kann. Begreifbar macht er es trotzdem. (jole)


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