Ein Traum vom Ende der Welt

Bis Mittwoch feiert die Viennale noch die Filmgeschichte, ihr Jubiläum und einzigartige Arbeiten der Kinokunst.

Von Peter Angerer

Wien –Seit 1970 hat der deutsche Regisseur Rudolf Thome bei der Viennale fast jeden seiner Filme präsentiert und zählt damit zu den treuesten Freunden des Wiener Filmfestes. Zum diesjährigen Jubiläum­ stellte er seine neue Komödie „Ins Blaue“ samt schlichter Filmtheorie vor. Egal, ob er ein Buch lese oder ins Kino gehe, nach zehn Seiten wisse er beim Buch und nach zehn Minuten bei einem Film, ob er sich in diesem Werk zu Hause fühle. In seinem Film offeriert Thome allerdings nur Heimeligkeit, wenn er drei junge Frauen in einem schrottreifen Kleinbus nach Italien fahren lässt, um den Sinn des Lebens zu ergründen. Drei allegorische Figuren (ein Mönch, der immerhin das Auto reparieren kann, ein stummer Fischer und ein Philosoph) vermitteln mediterrane Lebensart, doch „Ins Blaue“ ist ein Film im Film, in dem Vadim Glowna­ einen Produzenten spielt, der aus Geldmangel die Rolle des Philosophen übernimmt. Es ist Glowna in seiner letzten Kinorolle, der mit seiner legendären Leichtigkeit dieses Gefühl des Daheimseins vermittelt. „Ins Blaue“ wird wegen der stillen Trauer, die im Film zu spüren ist, in Erinnerung bleiben.

Auch die Filme von Todd Solondz gehören seit Jahren zur Viennale und radikal wie kein anderer Regisseur erzählt Solondz von der Sehnsucht nach einer glücklichen Familie und einem Zuhause, doch die Katastrophen haben längst stattgefunden und es bleibt nur noch die Hölle­. In „Dark Horse“ lebt Abe (Jordan Gelber) mit 30 noch immer in seinem schrillen Kinderzimmer, das unter der Spielzeuglast erstickt. Alle Therapieangebote sind aufgebraucht. Die Eltern (Mia Farrow und Christopher Walken) atmen auf, als Abe seine Hochzeit ankündigt, doch die Geschichte mit Miranda (Selma­ Blair) ist doch komplizierter als die Anschaffung einer neuen Fantasyfigur. „Dark Horse“ bezeichnet im Pferdesport einen Außenseiter, der überraschen könnte. Diesen Spitznamen hat Abes Vater für den Sohn gewählt. Nach Abes plötzlichem Unfalltod macht sein Bruder den Vater auf den Grabstein aufmerksam. „Technisch gesehen ist das Todesdatum falsch“, sagt er. „Was heißt schon technisch?“, sagt der Vater. Lakonischer lässt sich ein Leben nicht abhaken.

Ein Afrikaforscher erobert im Auftrag seines Königs und damit in Gottes Auftrag den „Schwarzen Kontinent“. Aber seit dem Tod seiner Frau verfolgt der Eroberer nur noch seinen „Traum vom Ende der Welt“. Als er das gefunden zu haben glaubt, stürzt er sich in den Fluss, um auch den Tod zu finden. Die ihn begleitenden Lastenträger beginnen zu tanzen. Diese kleine Episode sieht wie ein Abenteuer des Stummfilmstars in „The Artist“ aus, doch es ist das Vorspiel, dem zwei Erzählungen über das gefundene wie das verlorene Paradies folgen. Der portugiesische Regisseur Miguel Gomes verknüpft in „Tabu“ die skandalöse Kolonialpolitik Portugals mit dem Skandal einer verbotenen Liebe, ein Verfahren, das auch der Schriftsteller António­ Lobos­ Antunes in seinen Romanen bevorzugt.

Im ersten, eher konventionell inszenierten Kapitel beschreibt Gomes die noch immer vorhandenen Spuren der Kolonialzeit, die sich etwa im Umgang mit farbigen Dienstboten oder in religiösen Haltungen offenbaren. Im zweiten Kapitel wählt Gomes­ wieder das Stilmittel des Stummfilms. Reiche Plantagenbesitzer, die ihr Glück in Afrika gefunden haben, versuchen sich als Schmalfilmer. Auf diesen Bildern findet sich die Liebesgeschichte zwischen Aurora (Ana Moreira) und dem Abenteurer Ventura (Carloto Cotta), die ihrer Ekstase gefangen sind und möglicherweise den Kolonialkrieg auslösen. Miguel Gomes wurde für „Tabu“ bei der Berlinale­ mit dem Innovationspreis ausgezeichnet. Geehrt wurde damit vor allem der exzessive Umgang mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln der Kinokunst.

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Benh Zeitlin hat in seinem Kinodebüt „Beasts of the Southern Wild“ für das mythische Erzählen Bilder von wilder Schönheit über die letzten Katastrophen gefunden. Hushpuppy (Quvenzhané­ Wallis) lebt mit ihrem Vater in einer von Wirbelsturm und Flut zerstörten Hütte. Von ihrer Mutter wird erzählt, dass es wegen ihrer Schönheit genügte, eine Küche zu betreten, um das Feuer zu entzünden und das Wasser zum Sieden zu bringen. Vier Minuten später kam Hushpuppy zu Welt, deren Geburt die Mutter wieder nicht überleben konnte. Es sind Kinder, die den Sturm und den Untergang ankündigen. Und es sind die Kinder, die die Hoffnung darstellen.


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